Beschämung macht unsichtbar und verdrängt Menschen aus dem öffentlichen Raum

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Beschämung, Verachtung und Erniedrigung erleben vor allem marginalisierte Personengruppen. Wer Scham erlebt, schweigt und zieht sich zurück. Das muss sich ändern.

Ein Essay.

In den letzten Monaten habe ich mich von meinem öffentlichen Schreiben, sowohl bei Instagram, als auch auf dem Blog, ein wenig zurückgezogen. Der eine Grund ist, dass ich weniger Ressourcen zur Verfügung habe. Doch der zweite Grund wiegt etwas schwerer: Ich habe Angst vor Beschämung, Verachtung und Ausgrenzung. Ich habe Sorge etwas zu schreiben, das mir in ein paar Jahren peinlich ist oder um die Ohren fliegt. Wie aktuell zu sehen bei der Grünen-Politikerin Sarah-Lee Heinrich.

Die Journalistin Teresa Bücker hat in ihrem aktuellen Newsletter Zwischen_Zeiten über etwas geschrieben, worüber ich ebenfalls schon länger nachdenke: Darüber, wie man mit Texten umgeht, die man selbst in der Vergangenheit veröffentlicht und mit denen man heute nicht mehr viel zu tun hat, weil das eigene ‚Ich‘ sich im Laufe der Jahre (weiter)entwickelt.

Das Netz vergisst nichts: Alles was wir schreiben bleibt für die Ewigkeit

Während Teresa Bücker in der feministischen, linken Szene schon länger bekannt ist und somit auch ihre Texte eine hohe Reichweite aufweisen, ist es bei mir natürlich anders. Sie könne mit ihren mehr als tausend Tweets bereits mehrere Bücher füllen, stellt Bücker im Newsletter fest. Ich selbst habe erst vor drei Jahren begonnen mich aktiv in öffentliche Diskussionen einzuklinken. Diese Entscheidung habe ich zwar bewusst getroffen, doch irgendwann ist mir eine Sache so richtig klar geworden: Alles was ich ins Netz schreibe bleibt für die Ewigkeit (auch dann, wenn ich Beiträge lösche).

Aktuell mag ich im öffentlichen Raum eine kleine, unbedeutende Person mit einer kleinen Follower*innenschaft sein, aber ich frage mich schon: Was ist, wenn ich beruflich aufsteigen möchte, mich zum Beispiel auf eine Stelle bewerbe und die Personalabteilung meine Texte liest, die ich vor Jahren geschrieben habe, die mir heute womöglich unangenehm sind (oder auch nicht) und ich mich deswegen von vornherein disqualifiziere? Was ist wenn Arbeits-Kolleg*innen meine Texte lesen und mich damit konfrontieren? Ich habe wirklich Angst, dass das passiert.

Beschämung hat viele Gesichter

Während ich im beruflichen Kontext nie über meine Schreibtätigkeit auf dem Blog erzähle, bin ich mittlerweile auch gegenüber meinem privaten Umfeld vorsichtiger geworden. Ich habe leider die bittere Erfahrung gemacht, dass Menschen aus meinem direkten Umfeld das was ich tue – nämlich mich schriftlich und öffentlich auszudrücken – ins Lächerliche ziehen. Dass sie mein Verletzlich-sein und mich als Mensch verachten. (Natürlich bilden sie nicht die Mehrheit ab, meine Freund*innen sind mir und meinen Texten gegenüber wohlgesonnen)

Beschämung kann sich zum Beispiel dann ausdrücken, wenn sich Menschen plötzlich abwenden und einen meiden. Die Botschaft lautet: Mit einer wie dir wollen wir nichts mehr zu tun haben. Diese Art von Beschämung ist sehr subtil, aber sie wirkt recht schnell und effektiv. Um ihr nicht länger ausgesetzt zu sein, ist es geradezu menschlich sich selbst unsichtbar zu machen oder eben damit aufzuhören, was von der Gruppe als negativ bewertet wird.

Die Methode ‚Täter-Opfer-Umkehr‘

Vor einiger Zeit habe ich einen Artikel eines rechtsextremen Bloggers zugeschickt bekommen. Darin bin ich mit vollständigem Namen und einem Bild abgebildet. Im Text finden sich lauter frauenfeindliche Aussagen. Angst und Wut sind mit einem Mal in mir aufgestiegen. Und dann ist etwas passiert, das typisch ist: Ich habe mich dafür geschämt mich öffentlich als Feministin geoutet zu haben. Ich habe mich geschämt, dass ich Texte schreibe, in denen ich das Patriarchat kritisiere. Jetzt hast du den Salat. Hättest du dein Gesicht nicht öffentlich gezeigt, dann gäbe es diesen Artikel von dir auch nicht. Das hast du dir selbst zuzuschreiben.

Obwohl jener rechtsextreme Blogger mich beschämt und mich sexistisch angegangen hat, habe ich die Verantwortung zunächst bei mir gesehen – dieses Phänomen heißt ‚Täter-Opfer-Umkehr‘. Diese Strategie wurde (und wird) vor allem bei Vergewaltigungsprozessen angewandt, in dem man zum Beispiel das Opfer fragt, was es zum Zeitpunkt der Tat getragen habe und ob sich der Täter nicht dadurch provoziert gefühlt hätte. Auf der Homepage von ‚HateAid‘ wird darauf eingegangen, dass dieses Phänomen der Rollenumkehr auch bei Hass im Netz weit verbreitet ist und dazu dient Feindseligkeit und Hetze zu legitimieren und Menschen einzuschüchtern. Oft führt es auch noch dazu, dass Betroffene sich nicht trauen Anzeige zu erstatten.

Wer ignoriert bestraft sein Gegenüber

„Etwas zu sagen und nicht beachtet zu werden ist fast noch schlimmer, als gar nichts zu sagen“

aus: Rebecca solnit ‚Unziemliches Verhalten‘

Die Missachtung der eigenen Stimme und das bewusste Ignorieren über das was man im öffentlichen Raum sagt, können zutiefst verachtende Interventionen sein. Insbesondere, wenn die Verachtung von jenen stammt, denen man sich selbst zugehörig und nah fühlt.

Menschen zu ignorieren ist sogar eine Form von Bestrafung, vor allem dann, wenn es zuvor eine zwischenmenschliche Beziehung zwischen ihnen gegeben hat und noch immer gibt. Ignorieren zum Beispiel Bezugspersonen ihre Kinder, sind diese extrem irritiert und bekommen Angst. Sie sind verunsichert und ändern meistens – zugunsten der Bezugsperson – ihr Verhalten, um (wieder) Aufmerksamkeit und vor allen Dingen Liebe zu bekommen.

Die Verdrängung bestimmter Personen aus der Öffentlichkeit ist gewollt

In den letzten Monaten habe ich mir immer wieder Fragen gestellt, zum Beispiel, ob und wie ich meinen Blog (weiterhin) nutzen möchte? Oder, ob es denn unbedingt sein muss persönliche Gedanken im Netz, in Form eines Tagebuchs, zu veröffentlichen? Ist es wirklich notwendig mich öffentlich zu zeigen und für potenziell jede*n sichtbar zu sein?

Die Antwort lautet: Ja, ja und ja. Und die Begründung liefert Teresa Bücker in ihrem eingangs erwähnten Newsletter:

„Wenn Frauen, linke Aktivist_innen oder Politiker_innen, People of Colour, trans und nicht-binären Personen und andere, die Zielscheibe von (rechtem) Hass sind und im öffentlichen Diskurs noch lange nicht gleichberechtigt teilhaben können, nun geraten wird, lieber Poesiealben zu füllen, möglichst unauffällig zu sein, ihre Netzgeschichte zu löschen und von nun an noch stärker darüber nachzudenken, was sie schreiben und sagen, dann wird ihre Marginalisierung fortgesetzt und sie angehalten, sich selbst aus der Geschichte zu schreiben.“

AUS DEM NEWSLETTER ZWISCHEN_ZEITEN VON TERESA BÜCKER

Die Verdrängung von Frauen – sowie von anderen marginalisierten Personengruppen – aus dem öffentlichen Raum ist im Grunde ein altes Thema. Die Soziologin Franziska Schutzbach schreibt in ihrem Essayband ‚Die Erschöpfung der Frau‘, dass der Ausschluss der Frauen damit zusammenhänge, weil die Menschheitsgeschichte eine überwiegend Männergeschichte sei. Der Protagonist sei -so Schutzbach – der weiße, heterosexuelle Mann und dies führe eben dazu, dass „Frauen (und viele andere) ihre Erfahrungen und ihr Handeln oft nicht in historische Entwicklungen einordnen, sondern als rein individuelle, zufällig entstandene Biografie deuten“.

‚Was bleibt mir anderes übrig?‘

Was mir immer klarer wird, ist, dass Frauenhass erstens nichts ist, das wir ‚nur‘ aus der rechten Szene kennen und zweitens nichts ist, das ‚nur‘ durch Männer geschieht. Antifeminismus ist in der bürgerlichen Mitte angekommen oder präziser ausgedrückt: Er war nie wirklich weg. Antifeminismus wird – genauso wie der Feminismus -, von allen Geschlechtern bedient.

Ich habe beschlossen im öffentlichen Raum zu bleiben. Wie genau, weiß ich noch nicht bzw. möchte erst dann darüber schreiben, wenn meine Pläne konkretere Züge annehmen. Ja, ich wollte mich tatsächlich ganz zurückziehen, aber ich habe gemerkt, dass ich selbst im privaten Bereich jenem Frauenhass ausgesetzt bin und keinen ‚richtigen‘ Schutz erfahre. Was bleibt mir also anderes übrig als mich gegen Hass, Ausgrenzung und Beschämung zur Wehr zu setzen? Was bleibt mir anderes übrig, als Raum einzufordern, der mir zusteht, aber den ich eben nicht einfach so bekommen werde? Eben drum! (Und ja, ich weiß, dass das ein Privileg ist).

Danke, dass du dir Zeit genommen hast diesen Text zu lesen. Wenn dir dieser Artikel gefällt, dann teile ihn gerne mit deinen Freund*innen und / oder melde dich zu meinem Newsletter perfekt_unperfekt an.

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