Kindheit heute – Zwischen zwei Welten

Schreibe einen Kommentar
Kindheit

Tagein tagaus hetzen wir durch unseren Alltag. Alles was wir tun ist mehr oder weniger durchterminiert. Unerwartetes versetzt uns in Stress, der Zeitplan gerät durcheinander und wir müssen ihn neu organisieren. Auch die kleinen Menschen werden durchorganisiert, häufig bis ins kleinste Detail. Selbst die Entwicklungsschritte müssen planbar, voraussehbar, messbar und schließlich therapierbar sein. Anhand bestimmter Testverfahren wird die kindliche Entwicklung abgebildet und kategorisiert in „normal“ und „nicht normal“. Kinder, die in letztere Kategorie fallen, müssen selbstverständlich durch professionelle Hände wieder in die Spur gebracht werden.

Was bedeutet es heute ein Kind zu sein? Was heißt es ein Mensch zu sein, der sich mitten im Wachstums- und Entwicklungsprozess befindet? Wie betrachten wir aus einer Erwachsenenbrille Kindheit heute? Eine Kindheit, in einer globalisierten, kapitalistisch ausgerichteten Welt, in der es um Steigerung und Wachstum geht? Aus dieser Sicht bedeutet Kindheit eine Phase – eine Phase mit dem Ziel, möglichst schnell den Status „Kind“ zu wechseln.

Kindheit heute – eine Gratwanderung zwischen Bedürfnisorientierung und Vorbereitung auf die Welt

Am Anfang, wenn der kleine Mensch noch ganz klein ist, ist alles herzig. Bedürfnis- und bindungsorientiert werden die Bedürfnisse des kleinen Menschleins gestillt. Und ja, das ist auch gut so! Dass wir die Botschaft der Bindungstheorie weiterverbreiten ist wundervoll, denn sie ist so wichtig. Doch, sobald das Baby kein Baby mehr ist und es zu einem Kleinkind oder zum Kindergartenkind heranwächst, wollen wir einerseits nach wie vor bindungsorientiert sein, aber andererseits ist da diese Welt, unsere Welt, die alles andere als nett und zugewandt erscheint. Wer einen guten Platz haben möchte (und wer möchte das nicht?) darf schließlich nicht verweichlicht sein. In dieser Welt geht es plötzlich nicht mehr um Bedürfnisse oder darum was ein Mensch braucht, um körperlich und seelisch gesund zu sein und zu bleiben. Da geht es auch nicht darum, wie es dir geht oder ob du klar kommst – es geht darum zu funktionieren, es geht darum die Wirtschaft anzukurbeln, es geht darum schneller, höher, weiter und besser zu sein.

Kinder tauchen sehr schnell in dieser Welt ein, sie spüren sie bzw. sie bekommen sie zu spüren. Kaum im Kindergarten angekommen, geht es bereits um Bildungsprozesse und um die Vorbereitung auf die Schule. Da müssen Kinder dann lernen still zu sein, sitzen zu bleiben, den Stift korrekt zu halten oder Frustration auszuhalten. Und wenn sie es nicht können, dann muss das Defizit schleunigst therapiert werden. Es ist keine Zeit für ein individuelles Entwicklungstempo vorhanden. Ängste bei Eltern und Pädagogen werden geschürt und keiner möchte Verantwortlich oder Schuld daran sein, wenn ein Kind nicht in den vorgesehenen „Entwicklungsplan“ passt.

Das Dilemma

Da befinden wir uns in einem ziemlichen Dilemma. Wie soll das denn bitte funktionieren? Wie kann ich bindungsorientiert sein und gleichzeitig meinem Kind vermitteln, dass es in dieser Welt eher darauf ankommt Ellbogen zu zeigen, egoistisch und leistungsorientiert zu sein? Das ist doch total widersprüchlich!

Bindungs- und Beziehungsorientiert bedeutet, dass wir den Menschen grundsätzlich als gut und liebenswert einschätzen. Dass wir zugewandt sind, dass wir uns Zeit nehmen, dass wir Bedürfnisse erfassen und darauf antworten können. Aber auch, dass wir selbst in der Lage sind unsere eigenen Bedürfnisse wahrzunehmen und ihnen den nötigen Raum zu geben. Und genau das passt nicht wirklich in diese andere Welt – in die Welt der Starken und der Leistungseliten. In dieser anderen Welt scheint es um Kämpfe zu gehen und nicht um Liebe.

Spätestens dann wenn ein Kind die Schule besucht, muss es entsprechend funktionieren. Es braucht bestimmte Kompetenzen, um in der Institution Schule bestehen zu können. Hat es diese nicht, braucht es sofort Hilfe. Da werden dann alle möglichen Hilfen installiert, um das Kind „zu retten“, weil ansonsten ein Abschieben droht. Ein Abschieben in Sondereinrichtungen oder in irgendwelchen Therapiemaßnahmen.

Was brauchen denn unsere Kinder?

Fragt denn jemand auch, was denn Kinder brauchen, um sich gesund zu entwickeln? Sind diese Bedingungen überhaupt vorhanden? Oder wollen wir unsere Kinder einfach „nur“ passend machen? Passend machen, um in dieser anderen Welt bestehen zu können?

Was Kinder brauchen sind Bezugspersonen, die sie in ihrem Menschsein sehen, die ihnen helfen diese Welt zu entdecken. Sie brauchen – gemäß der Bindungstheorie – einen „sicheren Hafen“, an dem sie immer wieder und zu jeder Zeit einkehren können und sie brauchen die Sicherheit eigene Erfahrungen machen zu dürfen, um ihre Autonomie zu erfahren.

Kinder brauchen Pädagogen an ihrer Seite, die sie ebenfalls in ihrem Menschsein sehen! Sie brauchen Erzieher*innen und Lehrer*innen, die diese kleinen und immer größer werdenden Menschen sehen und zwar mit allem was dazu gehört. Es braucht im Gegenzug keine ständigen Bewertungen und Kategorisierungen, denn das reduziert den Menschen auf etwas, das er nicht ist. Kinder brauchen eine Stimme für ihre Kindheit und für das Recht sich gemäß ihrem eigenen Entwicklungstempo entwickeln zu dürfen – und das ist eine sehr wichtige Aufgabe für uns Pädagogen.

Und was machen wir nun mit dieser anderen Welt?

Aber da gibt es doch noch diese andere Welt. Können wir nun das Dilemma auflösen? Können Kinder, wenn sie bindungs- und bedürfnisorientiert aufwachsen, in dieser anderen Welt bestehen? Ja, absolut! Sie können sogar sehr viel besser bestehen! Denn diese Kinder sind mit sich selbst im Reinen, sie haben die Fähigkeit der Empathie verinnerlicht und sie sind in der Lage Beziehungen jeglicher Art konstruktiv zu führen. Das sind u.a. wichtige Erkenntnisse aus der Bindungsforschung der letzten Jahre.

Wir brauchen daher keine Sorge zu haben, dass unsere Kinder Waschlappen werden oder dass sie in dieser anderen Welt nicht bestehen können. Wir haben sogar – wenn wir den Weg der Beziehungsorientierung gehen – die Chance (und das ist meine Hoffnung) eben jene andere Welt zu einer erträglicheren und menschenfreundlicheren Welt zu machen. Eine Welt, in der wir Mensch sein dürfen. Eine Welt, in der Kinder Menschen sein dürfen mit all ihren neugierigen Fragen und all ihren Ängsten. Eine Welt, in der wir uns achten und aufeinander achtgeben. Eine Welt, in der wir sein dürfen wer wir sind. Ja, das wünsche ich mir und das können wir nur schaffen, wenn wir bindungs- und bedürfnisorientiert zu all unseren Mitmenschen und insbesondere zu unseren Kindern sind – als Eltern und als Pädagogen.

Abschließendes

Eine Sache noch zum Schluss. Ja, manchmal brauchen Kinder, aber auch Eltern und Pädagogen Hilfe von außen. Wenn ein Kind offensichtlich Schwierigkeiten hat, dann ist es die Aufgabe von uns Erwachsenen genau hinzuschauen. Und genauso ist es wichtig, dass Kinder ein gemeinschaftliches Zusammenleben lernen – die Frage ist nur wie wir das machen. Auf welche Weise und auf welcher Grundlage unseres Menschenbildes wollen wir unsere Gemeinschaft vermitteln? Genau das sollte unsere Ausgangsfrage sein.

Und dann noch was:

Vielen Dank an all jenen Menschen, die uns und unsere Kinder unterstützen, auf welche Art auch immer.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.