Warum in Zeiten wie diesen ein Plädoyer für Bindung, Beziehung und Liebe so wichtig ist

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Als ich selbst noch ein Kind war, habe ich mich gelegentlich gefragt, warum manch ein Erwachsener so hart ist. Hart zu sich selbst und hart zu uns Kindern. Ich spürte, dass diese Härte und Strenge meiner Kinderseele nicht gut tat und ich hütete mich vor diesen Menschen – so gut es mir damals möglich war. Aber was genau meine ich damit, wenn ich von Härte oder Strenge spreche? Ich möchte ein konkretes Beispiel anführen:

Als Kind hatte ich bis in die Grundschulzeit hinein übermäßig große Angst vor der Dunkelheit und vor dem Alleinsein. Damals gab es einige Menschen, die meinen Eltern dazu geraten hatten, mich auf jeden Fall alleine zu lassen – quasi als eine wichtige Erziehungsmaßnahme. Diese Leute sagten zum Beispiel:

  • „Eure Tochter muss es jetzt endlich lernen alleine zu sein. Schließlich ist sie kein Baby mehr.“
  •  „Lasst sie einfach alleine und macht euch einen schönen Abend, da passiert schon nichts. Das muss sie aushalten.“
  • „Da muss sie jetzt durch. Tränen hin oder her. Die macht eh nur Theater und hat euch im Griff.“

Das waren ganz schön harte Worte und sie taten mir weh. Ich bekam plötzlich noch viel mehr Angst. Angst davor, dass mich meine Eltern tatsächlich alleine lassen würden. Sie taten es nicht – dafür bin ich ihnen sehr dankbar.

Und eines Tages konnte ich – ganz ohne jene Erziehungsmaßnahmen – alleine sein. Meine Eltern gaben mir die Zeit, die ich brauchte, denn meine Ängste, meine Sorgen wurden gesehen und nicht einfach ignoriert.

Ich habe mich lange Zeit gefragt, weshalb einige Menschen innerlich und äußerlich so abgehärtet erscheinen? Warum sie kaum Gefühle zulassen oder sogar bestimmte Emotionen unterdrücken? Diese Fragen haben mich eine ganze Weile beschäftigt und ich konnte für mich damals keine zufriedenstellende Antwort finden. Erst durch die intensive Beschäftigung mit der Bindungstheorie habe ich Antworten gefunden.

Warum wir uns mit der Geschichte auseinandersetzen müssen, um Erziehung in der Gegenwart zu verstehen

Als ich mich während meines Studiums mit der Entwicklungspsychologie näher befasste, hat mich insbesondere die Bindungstheorie gefesselt und ich fuchste mich in dieses Thema geradezu hinein. Ich stieß irgendwann auf die Medizinerin Johanna Haarer und die Erziehung im damaligen NS-Regime. Da ich mich auch für Geschichte interessiere, wurde die Neugierde, mir diese Zeit – in Bezug auf Erziehung – näher anzuschauen, sofort geweckt.

Johanna Haarer wurde im Jahre 1900 geboren und studierte in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts Medizin. Sie fühlte sich zum Nationalsozialismus hingezogen und konnte sich mit seinem Gedankengut identifizieren. Haarer wurde Lungenfachärztin und engagierte sich gegen den vermeintlichen Zerfall des traditionellen Familienbildes. Sie schrieb einen Elternratgeber mit dem Titel „Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind“.

In diesem Elternratgeber – der jeder (werdenden) Mutter an die Hand gegeben wurde – warnte Haarer die Eltern vor dem Kinde als Haustyrannen, den sie durch Verwöhnung selbst heranziehen würden. Unter Verwöhnung verstand die Medizinerin, – wohlgemerkt die keine Kinderfachärztin oder Pädagogin war (!) – dass durch zu viel Liebe und Geborgenheit Kinder verweichlicht werden. Aber nicht nur das, Kinder würden sich vielmehr durch zu viel Zuneigung und Liebe an diesen Zustand gewöhnen und immer mehr von ihren Bezugspersonen fordern. Dies müsse – so Haarer – von Anfang an verhindert werden. Man wolle schließlich keine „verzärtelten“ Kinder, vielmehr solle ein Mensch von Beginn seines Lebens spüren, dass das Leben kein Ponyhof ist.

„Vor allem mache sich die ganze Familie zum Grundsatz, sich nie ohne Anlaß mit dem Kinde abzugeben. Das tägliche Bad, das regelmäßige Wickeln des Kindes und Stillen bieten Gelegenheit genug, sich mit ihm zu befassen, ihm Zärtlichkeit und Liebe zu erweisen und mit ihm zu reden. Die junge Mutter hat dazu natürlich keine Anleitung nötig. Doch hüte sie sich vor allzu lauter Bekundung mütterlicher Gefühle.“

(Johanna Haarer: „Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind“ aus: https://generationen-gespräch.de/zwischen-drill-und-misshandlung-johanna-haarers-die-deutsche-mutter-und-ihr-erstes-kind/9

Erziehungsziele in der NS-Zeit

Im Nationalsozialismus ging es nicht darum, sich individuell zu entwickeln, es zählte vor allem die Gemeinschaft. Das Ziel war, Kinder so zu erziehen, dass sie irgendwann einmal in der Lage sein werden, in den Krieg zu ziehen. Und im Krieg kann man keine Individualisten gebrauchen und schon gar keine Menschen, die Gefühle zeigen. Obwohl schon damals in der Wissenschaft bekannt war, wie wichtig eine emotionale Versorgung der Kinder ist, ging es in der nationalsozialistischen Erziehung in erster Linie darum eine körperliche Versorgung zu gewährleisten und nur ein kleiner, minimaler Anteil an Zuneigung und Liebe dem Kinde zukommen zu lassen.

„Dann, liebe Mutter, werde hart! Fange nur ja nicht an, das Kind aus dem Bett herauszunehmen, es zu tragen, zu wiegen, zu fahren oder es auf dem Schoß zu halten, es gar zu stillen. Das Kind begreift unglaublich rasch (…). Nach kurzer Zeit fordert es diese Beschäftigung mit ihm als ein Recht, gibt keine Ruhe mehr, bis es wieder getragen, gewiegt oder gefahren wird – und der kleine, aber unerbittliche Haustyrann ist fertig.“

(Johanna Haarer: „Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind“ aus: https://generationen-gespräch.de/zwischen-drill-und-misshandlung-johanna-haarers-die-deutsche-mutter-und-ihr-erstes-kind/9 )

Glücklicherweise haben die meisten heute ein ganz anderes Bild von Kindheit und Kind sein. Wir wissen um die Wichtigkeit einer feinfühligen Beziehung und welche Bedeutung es hat Kindern Liebe und Geborgenheit zu geben. Viele Expert*innen haben in den letzten Jahren Eltern und andere Bezugspersonen darin aufgeklärt und gestärkt, eine liebevolle Beziehung und Bindung zu den kleinen Menschen einzugehen, sowie viele Ängste in Bezug auf die „Verwöhnungstheorie“ genommen. Auch Blogger*innen haben hierzu einen außerordentlichen Beitrag geleistet und eine enorme Reichweite mit ihren Texten erzielen können. Das ist großartig.

Ein Rechtsruck in ganz Europa

Aktuell erleben wir fast überall in Europa einen Rechtsruck. Die Konservativen scheinen Antworten auf komplexe Fragen zu haben, sie idealisieren „unsere Heimat“ und fordern einen Staat mit einheimischen Bürger*innen. Sie schüren Ängste vor „dem Fremden“ und betrachten geschlossene Grenzen als die einzige Möglichkeit des Schutzes (vor wem oder was auch immer). Ganz wichtig sind den Konservativen auch die Familie und deren Schutz. Und sie haben auch eine Idee wie Erziehung am besten funktioniert – altbekannte Werte, wie etwa Gemeinschaft, Führung durch Erwachsene oder Verzicht, sollen (wieder) in der Kinderstube und in Familien Einzug erhalten.

Die Ideologie der damaligen „schwarzen Pädagogik“ scheint sich erneut auszubreiten. Sie scheint teilweise auch (wieder) salonfähig zu werden, sogar bis in die Mitte hinein. Sowohl Vertreter*innen der Neuen Rechten, die sich selbst als Intellektuelle beschreiben, als auch die rechts-außen Politik hierzulande, propagieren ein Familienbild, das erstaunlich viele Parallelen zur damaligen pädagogischen Ausrichtung des NS-Regimes aufzeigt. Die AfD schreibt beispielsweise in ihrem Wahlprogramm folgendes: „Die zunehmende Übernahme der Erziehungsaufgabe durch staatliche Institutionen wie Krippe und Ganztagsschulen, die Umsetzung des ‚Gender-Mainstreaming‘-Projekts und die generelle Betonung der Individualität untergraben die Familie als wertgebende gesellschaftliche Grundeinheit.“

Übersetzt bedeutet das nichts anderes als: Nicht der Einzelne zählt, sondern die Gemeinschaft. Individuelle Entwicklung ist nicht vorgesehen, vielmehr geht es darum die eigenen Bedürfnisse nicht allzu wichtig zu nehmen und sich lernen zurückzunehmen. 

Welches Menschenbild liegt zugrunde?

Schon Johanna Haarer kämpfte im Nationalsozialismus um einen etwaigen Zerfall der traditionellen Familienform und heute übernimmt diese Aufgabe offensichtlich in Deutschland die AfD. Aber nicht nur bekennende AfD-Wähler*innen, sondern auch Menschen aus der bürgerlichen Mitte scheinen aktuell mit solchen konservativen Werten zu sympathisieren. Ja, es werden Stimmen laut, die nach einer Rückkehr zur „Ordnung“ rufen. Zum Beispiel soll das traditionelle Familienbild re-modernisiert werden: Vater, Mutter und Kind(er) bilden eine Einheit und nur diese Konstellation wird als Familie definiert.

Ferner instrumentalisieren rechte Parteien und Bewegungen immer wieder wissenschaftliche Erkenntnisse für ihre Zwecke. Zum Beispiel nimmt die AfD in ihrem Wahlprogramm Bezug zur Bindungstheorie: „Die sichere Bindung an eine verlässliche Bezugsperson ist (…) die Voraussetzung für eine gesunde psychische Entwicklung kleiner Kinder und bildet die Grundlage für spätere Bindungs- und Beziehungsfähigkeit. Die AfD fordert daher, dass bei unter Dreijährigen eine Betreuung, die Bindung ermöglicht, im Vordergrund steht.“

Nun könnte der*die bindungsorientierte Leser*in geneigt sein einzuwenden, dass alles, was in diesem zitierten Satz über die Bindungstheorie gesagt wird, korrekt ist. Ja, das stimmt. Es ist in der Tat für eine gesunde Entwicklung wichtig, dass Kinder mindestens eine sichere und verlässliche Bezugsperson haben. Nur – und das ist ganz entscheidend – setzen die AfD (sowie andere rechte-konservative Gruppierungen) die Erkenntnisse aus der allgemeinen Entwicklungspsychologie ganz gezielt ein: Nämlich dann, wenn sie ihnen in die Karten spielen. An anderen Stellen wiederum, werden wichtige wissenschaftliche Erkenntnisse negiert und / oder in Frage gestellt. Zum Beispiel stehen Konservative für eine stark gelenkte Erziehung, die klare Hierarchien aufweist: Eltern, Lehrer*innen oder Erzieher*innen haben Macht gegenüber dem Kind, um eine gezielte Führung in die „richtige“ Richtung lenken zu können. Diese Vorgehensweise wird durch das Menschenbild legitimiert: Das Kind als ein unfertiges Wesen, das zivilisiert werden muss.

Dieses Menschenbild suggeriert, dass ein Kind sich grundsätzlich (also von Natur aus) widersetzt, die Regeln bricht und sich nicht angemessen verhalten kann. Die Bezugspersonen müssen daher von Anfang an hart sein und ihrem Kind Grenzen aufzeigen – wenn nötig auch bestrafen. Es werden Horrorszenarien dargestellt, in denen Eltern oder pädagogischen Fachkräften von Tyrannen berichtet wird, würden sie dem Kind alles durchgehen lassen.

Wissenschaft versus Rechtspopulismus

Aus der Entwicklungspsychologie wissen wir heute, dass ein Kind bereits mit seiner Geburt über soziale Kompetenzen verfügt. Es ist von Beginn seines Lebens auf Beziehung ausgelegt und nimmt als Säugling schon aktiv Kontakt mit seinen Bezugspersonen auf. Kinder sind grundsätzlich Teamplayer, ja sie wollen mit Erwachsenen kooperieren. Verhaltensweisen, die wir als negativ oder störend bezeichnen, sind wichtige Botschaften eines Kindes: „Mir geht es nicht gut. Ich kann mich jedoch nicht anders ausdrücken. Ich brauche Hilfe und ich möchte mit meinem Gefühl gesehen werden.“

Die Konservativen fühlen sich jedoch allzu oft in ihrem Menschenbild bestätigt, nämlich immer dann, wenn sich ein Kind in der Schule schon wieder nicht an die Regeln hält und es den Unterricht mal wieder stört. Die Überforderung von Lehrer*innen scheint in aller Munde zu sein und wer ist das Problem? Natürlich die Kinder. Weil die heutzutage kein Benehmen mehr haben. Weil Lehrer*innen für Kinder heute keine „Respektspersonen“ mehr seien, so wie damals. Weil Kinder heute zu sehr verwöhnt werden. So die gängigen Argumente.

Dass strukturelle Probleme, das überholte Bildungssystem, soziale Probleme in den Familien, zum Beispiel aufgrund der hohen Armutsgefährdung in Deutschland, hinter diesen „Störungen“ liegen, wird in konservativen Kreisen nicht diskutiert. Stattdessen werden gesellschaftliche Strukturen für gegeben und somit als nicht veränderbar wahrgenommen.

Die Geschichte über Kinder als Tyrannen hat Johanna Haarer also vor über 70 Jahren den damaligen Eltern erzählt. Und heute werden mit den gleichen Geschichten (wenn auch anders formuliert) erneut Eltern und andere Bezugspersonen – ja, sogar Pädagoge*innen –  erreicht. Das Buch von Johanna Haarer wurde übrigens bis 1987 aufgelegt, wenn auch entnazifiziert und bereinigt. Die Grundbotschaft blieb allerdings weiterhin dieselbe. Und so konnte sich die Annahme über das Kind und das Menschenbild über all die Jahre weiter in die nächsten Generationen sozial vererben.

Ein Zeichen setzen

Um den Konservativen und den Rechtspopulisten, die ein solch negatives Menschenbild zeichnen und die Macht über bestimmte Menschen für sich in Anspruch nehmen wollen, nicht das Feld zu überlassen, braucht es eine klare Gegenbewegung. Eine Bewegung, die sich für – und nicht gegen – Menschen einsetzt. Es ist wichtig, dass wir nicht leise sind und dass wir uns für Kinder sowie für all jene Menschen einsetzen und unsere Stimme erheben, die es selbst nicht (mehr) können.

Lasst uns alle ein Zeichen setzen. Ein Zeichen für bindungsorientierte Elternschaft. Ein Zeichen für beziehungsorientierte Schulen und Kindertageseinrichtungen. Ein Zeichen für Menschenfreundlichkeit. Ein Zeichen für eine kinderfreundliche, für eine menschenfreundliche Gesellschaft. Ein Zeichen für Gleichberechtigung und Chancengleichheit. Ein Zeichen für Liebe und Freundschaft.

Mit diesem Text möchte ich ein Zeichen setzen und mich eindeutig positionieren und zwar für eine bindungs- und beziehungsorientierte Gesellschaft in allen Lebensbereichen. Dafür, dass wir kleine und große Menschen achten und mit all ihren Gefühlen respektvoll umgehen. Und dafür, dass wir uns angstfrei begegnen können.


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