Verflechtung von Sexismus, Antifeminismus und der Neuen Rechten

Die Journalistin Laura Himmelreich hatte 2013 im „Stern“ einen Artikel veröffentlicht, der den damaligen Spitzenkandidaten der FDP für die Bundestagswahl, Rainer Brüderle, portraitierte. Der Titel des Artikels lautete „Der Herrenwitz“ und Himmelreich schilderte darin, weshalb es kaum möglich war, sich auf professioneller Ebene mit Herrn Brüderle zu unterhalten. Er habe zum Beispiel auf ihre Brüste gestarrt und gemeint, sie könne ein Dirndl ausfüllen:

„Für politikjournalistische Artikel ist dies ein eindeutiger Tabubruch. Sowohl die Form des Artikels von Himmelreich als auch der Inhalt, das heißt das explizite Benennen und Kritisieren des erlebten Sexismus, brechen mit journalistischen Gepflogenheiten, die sich nach wie vor an der (vagen) Vorstellung orientieren, ‚objektiv‘ (und damit gute) Berichterstattung setze voraus, dass die Journalistin nicht ‚ich‘ sagt“

(Meßmer 2014, S.4)

Der Artikel Himmelreichs, und die damit verbundene Sexismus-Debatte, haben sich innerhalb kurzer Zeit verbreitet, insbesondere Netzfeminist*innen sind mit dem Thema viral gegangen. Unter dem Hashtag „Aufschrei“ (#Aufschrei) haben viele Frauen über eigene Erfahrungen mit Sexismus gesprochen und diese öffentlich gemacht. Die konservative Journalistin und Autorin Birgit Kelle hat auf jene Sexismus-Debatte reagiert, in dem sie zunächst einen Artikel im Onlinemagazin The European mit dem Titel „Dann mach doch die Bluse zu“ veröffentlichte und kurze Zeit später das gleichnamige Buch schrieb. Birgit Kelle kritisiert darin die #Aufschrei-Bewegung scharf, weil Frauen sich ihrer Meinung nach als Opfer verstehen und Männern in ihrer Gesamtheit vorwerfen, sie seien lediglich sexuell an Frauen interessiert. Gleichzeitig würden Frauen – so Kelle – mit ihren Körpern spielen, sich aufreizend kleiden, nackte Körperteile zeigen oder bestimmte Bereiche ihres Körpers stark betonen. Diese – natürlich von Frauen ausgehende – Doppeldeutigkeiten sollten reflektiert und hinterfragt werden, anstatt Männern pauschal zu unterstellen, sie könnten sich sexuell nicht kontrollieren. Birgit Kelle konstatiert weiter, dass die Ursache für sexuelle Belästigung oder Sexismus vor allem in den Köpfen der Frauen entstehen und / oder Frauen solche Arten der Belästigung gar selbst herbeiführen würden, weil sie sich eben auf eine bestimmte Art präsentieren, kleiden oder sprechen:

Ja, dann mach doch die Bluse zu! Dieser Gedanke überfiel mich bei der Lektüre eines Berichts über die amerikanische Schauspielerin Megan Fox, der Männerwelt besser bekannt als ‚Sex-Symbol‘. Sie wolle von ihrem sexy Image weg, ließ sie verlauten, und als Schauspielerin ernst genommen werden. Um das zu unterstreichen, ließ sie sich kurz darauf in Unterwäsche mit leichtem Blüschen für das Covermagazin (…) ablichten. Dann mach doch die Bluse zu, wenn du willst, dass man dir in die Augen schaut, war mein erster, spontaner Gedanke“

(Kelle 2018, S.20)

Nicht nur Kelle kritisiert die Sexismus-Debatte, weitere Stimmen kommen von ganz rechts außen, zum Beispiel von Publizist*innen, die Verbindungen in neurechte Kreise pflegen, in Kontakt mit dem Verleger Götz Kubitschek (Antaios Verlag) oder dem Chefredakteur des rechten Magazins „Compact“ Jürgen Elsässer stehen. So zum Beispiel der Autor Bernhard Lasshan, der unter anderem Kinderbücher schrieb und Mitautor der Käpt’n Blaubär- Geschichten war. Nach Lasshan gebe es aktuell einen Krieg gegen den Mann, ausgehend von Feminist*innen. Er bezeichnet den Feminismus als eine „Beziehungs-Vernichtungs-Maschine“, weil er „männer- und kinderfeindlich“ sei. Der Feminismus sei eine Kampfansage an die Liebe. Diese Sichtweise beschreibt er ausführlich in seinem Buch: „Frau ohne Welt – Trilogie zur Rettung der Liebe“ (Band 1: „Der Krieg gegen den Mann“):

„Wenn jemand wegen ‚sexistischer Äußerungen‘ zur Kasse gebeten wird oder seinen Job verliert, dann ist das immer ein Mann. (…) Inzwischen gibt es Fälle von fristlosen Kündigungen wegen ‚sexistischer Äußerungen‘, die ohne vorherige Abmahnungen erfolgen. Es ist keine Entschuldigung möglich. Der Sexismus-Vorwurf ist die Trumpfkarte im Geschlechterkampf (…)“

(Lasshan 2013, S.47)

In einer Talkrunde („phoenix Runde“ vom 05.10.2016) erklärt Birgit Kelle, dass sich Frauen „Strategien aneignen“ sollten, um sich gegen Sexismus zur Wehr zu setzen, anstatt sich in eine Opferrolle zu begeben. Für sie sei die Sexismus-Debatte kein Problem, das man politisch diskutieren müsse, sondern es gehe vielmehr um „normale“ Macht- und Konkurrenzkämpfe zwischen den Geschlechtern. Sexismus sei bei diesem Kampf eine von mehreren Methoden, die angewandt werde, so Kelle. Sie führt die Debatte in ihrem Buch „Dann mach doch die Bluse zu“ weiter aus und kritisiert, dass es ja überhaupt keine einheitliche Definition von Sexismus gebe. Vielmehr seien Männer heute verwirrt und wissen nicht mehr was „richtig“ oder „falsch“ sei, im Zweifel tappen sie schließlich in die „Sexismus-Falle“:

„Darf ein Mann einer Frau noch in den Mantel helfen und ihr die Tür aufhalten oder offenbart er dadurch seine rückständige Sichtweise als Traditionalist? Soll er im Restaurant noch die Rechnung bezahlen oder unterminimiert er dadurch ihren Status als finanziell eigenständige Frau? Darf ein Mann ihr sagen, dass sie schön aussieht, oder missachtet er damit ihre zweifelsohne ebenfalls vorhandene Intelligenz und reduziert sie unfreiwillig auf ihr Äußeres? Die eine Frau erwartet also noch den Kavalier der alten Schule, die nächste ist beleidigt, wenn man ihr sagt, sie sei schön. Woher weiß Mann, an welchen Typ Frau er gerade geraten ist?“

(Kelle 2018, S.27)

Kölner Silvesternacht 2015/16

Die Sexismus-Debatte hatte eine neue Dimension erfahren, als es in der Silvesternacht 2015/16 am Kölner Hauptbahnhof zu einer massiven sexuellen Belästigung gegenüber Frauen und einer großen Anzeigewelle im Anschluss gekommen ist. Überwiegend Männer, aus Nordafrika stammend, haben sich an Frauen herangemacht und hierbei Grenzen weit überschritten. Der Blick richtete sich damals auf die Geflüchteten, es wurden Ängste geschürt und Menschen pauschal, zum Beispiel aufgrund ihrer Herkunft oder religiösen Zugehörigkeit, stigmatisiert. Der Islam wurde als menschen- und vor allem frauenverachtend deklariert und einst feministische Themen (Diskurse um patriarchale Strukturen) nahmen antifeministische und konservative Gruppierungen zum Anlass, um gegen den Islam und gegen Menschen mit Migrationshintergrund vorzugehen. Ellen Kositza schrieb am 12. Januar 2016 – kurz mach dem Silvester Ereignis – im rechten Online-Blog „Sezession“ einen Artikel über ihre eigenen Erfahrungen mit Sexismus:

„Im Übrigen wundert mich der Hype um Köln wirklich, er macht mich stutzig. #Kölnhbf war nicht mehr als eine gelinde Zuspitzung dessen, was sich seit Jahrzehnten auf westdeutschen Straßen abspielt. Diese Zusammenrottung ausschließlich migrantischer Jungmänner kenne ich seit langer, langer Zeit.“

Weiter schreibt Ellen Kositza im gleichen Artikel, dass sie kurz vor ihrem achtzehnten Geburtstag Anzeige wegen sexueller Belästigung erstatten wollte, jedoch die zuständigen Polizeibeamten ihr davon abgeraten hätten. Der Grund sei gewesen, dass sich der Täter illegal in Deutschland aufhielt, er „besoffen“ war und der Aufwand hierfür auch sehr groß gewesen wäre. Kositza habe schon vor dem „Krisenjahr“ 2015 ein Unbehagen im Zusammenhang mit ausländischen Mitbürger*innen gefühlt. So schildert sie im Text weiter über persönliche Erfahrungen aus den 90er Jahren, wie sie sich in öffentlichen Verkehrsmitteln regelmäßig gegen „migrantische“ Männer zur Wehr setzen musste und welch Unverständnis ihr gleichzeitig von Passant*innen entgegengekommen sei. Sobald sie laut den Männern gegenüber ihre Grenzen aufgezeigt habe, beobachte sie damals Kopfschütteln und Schweigen der anderen Verkehrsteilnehmer*innen.

Birgit Kelle ruft in einem Kommentar auf FOCUS online „deutsche“ Männer dazu auf „ihre“ Frauen, wenn nötig mit Fäusten, zu verteidigen, denn „ein Mann, der nicht schützen will, ist einfach nicht sexy.“ In einem früheren Artikel auf FOCUS online kritisiert sie, dass der „feministische Aufschrei“ beim Vorfall in der Kölner Silvesternacht ausgeblieben sei und die Abstammung der Täter in den Berichten plötzlich nicht mehr vorkommen würden.

„Und während man spontan vermutet, in einem Land, in dem jedes falsche Wort und jeder vermeintlich falsche Blick zu einem feministischen #aufschrei führt, weil Mann sich angeblich falsch benommen hat, bleibt das feministische Netz angesichts dieser unglaublichen Vorgänge in Köln stumm“

(Kelle, FOCUS online)

Warum es keinen Aufschrei gab, dafür hatte Frau Kelle schließlich eine Antwort gefunden: Die Täter seien „die Falschen“ gewesen. Weil es Männer mit Migrationshintergrund waren, die die Frauen sexuell belästigt haben, habe es von Seiten der Feminist*innen auch keine Reaktionen gegeben. Denn Kritik an den Tätern würde aus der Perspektive des Feminismus als eine diskriminierende Handlung eingestuft werden, so die These von Kelle. In diesem Online-Artikel bezieht sich Birgit Kelle ferner auf die Debatte um Rainer Brüderle und die Journalistin Laura Himmelreich:

„Ein angetrunkener Politiker macht einer Journalistin ein missglücktes Kompliment – das reichte vor zwei Jahren aus, um die halbe Bevölkerung Deutschlands als sexistische Chauvinisten unter Generalverdacht zu setzen. Es reichte aus, um Forderungen nach neuen Gesetzen und Verhaltenskodexen aufzustellen“ (Kelle, FOCUS online).

Welcher Argumentationsmuster bedienen sich Antifeminist*innen?

Sexismus wird als ein Konstrukt des Feminismus dargestellt und soll vor allem dafür dienen das männliche Geschlecht zu schwächen bzw. Männer pauschal in „Sippenhaft“ zu nehmen. Ein wichtiges Argument von Antifeminist*innen ist hierbei, dass Probleme durch eine öffentliche Sexismus-Debatte nicht gelöst werden, sondern dass weitere, neue Probleme entstehen würden. So zum Beispiel würde der Graben zwischen Männern und Frauen immer größer werden, es entstehe – wie etwa Lasshan konstatiert – ein Kampf zwischen den Geschlechtern so dass eine konstruktive Beziehung, die auf Liebe basiert, auf diese Weise nicht möglich sei.

Sexismus wird als eine Erfindung des Feminismus dargestellt und scheinbar von Antifeminist*innen enttarnt. Ferner werden feministische Argumente nicht nur abgewertet, sondern gezielt für die eigene Politik und die eigenen Interessen umgedeutet. Im Falle der Sexismus-Debatte fehle, laut der Antifeminist*innen, eine konkrete oder allgemeingültige (wissenschaftliche) Definition: Wann genau beginne Sexismus bzw. wer sei denn überhaupt in der Lage eine Definition festzulegen? Es ist der Vorwurf an den Feminismus von Willkür sowie die Unterstellung eine Definitionshoheit über den Begriff erlangen zu wollen. Ein jeder Mensch habe persönliche und individuelle Grenzen, somit – und das ist nun die „logische“ Konsequenz dieser Argumentationskette – sei eine Definition von Sexismus auch gar nicht möglich und die Debatte am Ende völlig überflüssig.

Im Diskurs um die Verflechtung von Sexismus, Rassismus und (Anti-) Feminismus spielt die Abgrenzung von „wir“ und „ihr“ eine entscheidende Rolle. Es ist nicht nur der Versuch der Legitimation einer Abgrenzung, zum Beispiel zwischen Nationalitäten, herzustellen, sondern es geht insbesondere darum die Höherwertigkeit des eigenen „Volkes“ (oder des weißen Mannes) hervorzuheben und somit die Minderwertigkeit „der Anderen“ zu legitimieren . Bei den Pegida-Märschen wurden beispielsweise Parolen gesungen, wie etwa „Wir sind das Volk“ oder „Wer Deutschland nicht liebt, soll Deutschland verlassen“. Die Neuen Rechten warnen vor einer kommenden „Überfremdung“ oder gar vor einem „Bevölkerungsaustausch“. Migrant*innen wird die Fähigkeit abgesprochen in der Lage zu sein, sich in die „deutsche Leitkultur“ zu integrieren, weil sie nicht bereit seien, ihre eigene Kultur und vor allem ihre Religion, den Islam, abzulegen. Begriffe, wie etwa „das Volk“ oder „völkisches Denken“, werden genutzt, um eine hegemoniale Ordnung herzustellen. Die Idee dahinter ist, dass es einen Bevölkerungstypus gibt und dieser die gleichen Werte und Grundhaltungen teilt.

„Das ‚Volk‘ als Gegenbegriff zur westlichen ‚Nation‘ wird nicht durch rationale, demokratische Kriterien wie beispielsweise den subjektiven Willen (dazugehören zu wollen – oder auch nicht) bestimmt, sondern durch vorpolitische Dimensionen wie die Phantasie einer gemeinsamen Abstammung als Kollektiv“

(Salzborn 2017, S.30).

Wie lassen sich Argumente entkräften und welche Strategien stehen dahinter?

Die Argumentationsweise rechter und antifeministischer Akteur*innen zeigt zunächst, dass eine kritische sowie konstruktive Auseinandersetzung mit feministischen Positionen oder mit gesellschaftspolitischen Debatten in keiner Weise stattfindet. Es finden stattdessen Abwehrreaktionen statt, die meist mit einer Vereinfachung komplexer Zusammenhänge einhergehen.

Die Wissenschaftler*innen Charlotte Diehl, Jonas Rees und Gerd Bohner bedauern, dass im Rahmen der Sexismus-Debatte kaum empirische Befunde zur Sprache gekommen seien. Denn es gibt in diesem Bereich durchaus wissenschaftliche Erkenntnisse, die Unklarheiten und scheinbare Widersprüche auflösen könnten. Zum Beispiel, wenn es um den Vorwurf von Willkürlichkeit geht, bzw. darum, dass vor allem Männer heute verunsichert seien und im Zweifel in die „Sexismus-Falle“ tappen würden. Aus einer Befragung mit Studierenden geht beispielsweise hervor, dass sich Männer und Frauen einig darüber sind, ab wann und welche konkreten Verhaltensweisen oder Interaktionen als unangenehm oder gar belästigend wahrgenommen werden. Zum Beispiel wurden den Teilnehmer*innen dieser Befragung, Sprüche sowie Witze vorgestellt, wie etwa: Hast du Fieber? Du siehst so verdammt heiß aus.

„Männer fanden lediglich vier der Witze lustiger als Frauen, wobei den Männern aber dennoch bewusst war, dass die Witze sexistisch und für Frauen unangenehm sind. (…). Sexuelle Belästigung kann dementsprechend auch nicht damit erklärt werden, dass Frauen überempfindlich seien und Männer eigentlich in guter Absicht oder aus Unwissenheit handelten. Männer, die sich unangemessen verhalten, tun dies häufig aus Rücksichtslosigkeit – in jedem Fall tun sie es in aller Regel wissentlich“

(Diehl, Rees, Bohner 2014, S. 25/26)

„Wir und die Anderen“

Akteure*innen aus dem rechten Spektrum  eignen sich ursprünglich feministische Themen an, um gegen die Anderen vorzugehen. Feministische Haltungen und Argumente werden auf eine ganz bestimmte Art und Weise im rechten und konservativen Spektrum eingesetzt. Den Begriff Femonationalismus hat die Soziologin Sara Farris geprägt. Sie weist darauf hin, dass rechte, konservative und neoliberale Akteur*innen die Fortschrittlichkeit unserer Gesellschaft, insbesondere in Bezug auf Geschlecht oder Gleichberechtigung, instrumentalisieren, um gegen den Islam oder eine liberale Migrationspolitik vorzugehen. Es soll dargelegt werden, dass muslimische (überwiegend männliche) Bürger*innen die Idee von demokratischer Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern ablehnen und sie deshalb nicht in die westliche Gesellschaft integrierbar sind. Rechtspopulist*innen, wie der Niederländer Geert Wilders oder die Französin Marine Le Pen, stellen sich auf diese Weise vermeintlich auf die Seite der Frauen, in dem sie äußern, sie wollen sich für Frauen und ihre Rechte einsetzen. Beispielsweise sollen Frauen das Recht auf Pfefferspray eingeräumt werden, damit sie sich gegen männliche Migranten zur Wehr setzen können.

„Gegenüber Feminismus ist die Frontstellung dabei gewissermaßen eine doppelte – und widersprüchliche. Denn dieser wird für die eigenen Zwecke vereinnahmt, um einerseits gegen Migration, den Islam, die Fremden zu agieren, und um andererseits gegen bestimmte Feminismen und die Infragestellung hegemonialer Geschlechter- und Sexualitätsnormen in den Kampf zu ziehen. ‚Eigene‘ – unbestreitbar wichtige – Errungenschaften wie die annähernde juristische Gleichstellung der Geschlechter oder die Kriminalisierung sexualisierter Gewalt, aber auch die Konzepte von Zweigeschlechtlichkeit, Heterosexualität und Familie werden daher nicht nur gegen die äußeren, sondern auch gegen die inneren Feinde verteidigt. Nach innen, (…), gegen die sogenannten ‚Genderistas‘ und Queers, die angeblich den normalen Menschen ihre ‚perversen‘ Vorstellungen davon aufzwingen wollen, wie Geschlecht und Sexualität gelebt werden sollen. Und nach außen gegenüber denjenigen, die in kulturessentialistischer Manier als unzivilisiert, rückschrittlich oder als unkontrollierbarer ‚Sex-Mob‘ und als veropferte Frauen entworfen werden“

(Hark, Villa 2018, S.88)

Antifeministische Positionen sind häufig auch deshalb nicht mehr eindeutig zu erkennen, weil sich sowohl der Feminismus als auch der Antifeminismus weiterentwickeln und weil es unterschiedliche Strömungen beider Formen gibt. Beispielsweise stehen heute Akteur*innen der Rechten – genau wie Akteur*innen des Feminismus –  für Gleichberechtigung ein. Sätze wie etwa – Frauen zurück an den Herd – werden heute nicht (mehr) geäußert (zumindest nicht offen bzw. in dieser Form). Vielmehr soll ein fortschrittliches Bild von Frau und Weiblichkeit gezeichnet werden:

„Genau hier dockt nun der Feminismus von Birgit Kelle und Marine Le Pen, von Gabriele Kuby und Frauke Petry an. Wesentlich für diesen ist, dass er sich im Unterschied zu den historischen Vorläufern des Anti-Feminismus und der Idee der Gleichheit präsentiert. Kelle und Kuby, Petry und Le Pen inszenieren sich als Feministinnen, nicht als Anti-Feministinnen, gar als die Einzigen, die noch die Gleichstellungserfolge der Aufklärung gegen das heraufziehende islamische Mittelalter verteidigen“

(Harke, Villa 2018, S.90)

Antifeminist*innen sind häufig nicht offen sexistisch,  misogyn oder rassistisch, vielmehr ist ihre Strategie, Ängste unterschwellig zu schüren, um ihre Ideologie in der Mitte der Gesellschaft anschlussfähig zu machen. Die Partei AfD zum Beispiel zeigt sich ungewöhnlich offen in Bezug auf Homosexualität, wenn es darum geht diese Haltung als ein Instrument zu benutzen, um rassistische Positionen zu legitimieren. Der ehemalige AfD-Abgeordnete Andreas Kalbitz äußerte zum Beispiel im Landtag von Brandenburg, dass er sich Sorgen um homosexuelle Paare aufgrund der „ungesteuerten Zuwanderung“ mache. Dies bedrohe unsere offene, westliche und aufgeklärte Gesellschaft. Der Islam wird als eine homophobe Religion und Weltanschauung dargestellt, weshalb Offenheit und Toleranz gegenüber homosexuellen Menschen plötzlich zu „deutschen Werten“ ernannt und verteidigt werden müssen. Umgekehrt geht es jedoch auch, zum Beispiel wurde in Hamburg vorgeschlagen die Piktogramme der Ampelmännchen in schwule und lesbische Paare auszutauschen. Die AfD kritisierte dieses Vorhaben, weil sich muslimische Mitbürger*innen beleidigt fühlen könnten. Diese beiden Beispiele machen deutlich, wie widersprüchlich Toleranz gegenüber bestimmten Gruppen ausgeübt wird. Und es zeigt, dass es den Rechten nicht im eigentlichen Sinne um Toleranz oder Antidiskriminierung geht, sondern vielmehr darum eine Machtposition einzunehmen und gegen jene „anderen“, die als Bedrohung wahrgenommen werden, vorzugehen.

Eine wichtige Strategie von rechten Akteuer*innen ist, dass sie neutrale Nachrichten mit Emotionen aufladen. Das ehemalige AfD-Mitglied  Franziska Schreiber hat diese Methodik in ihrem Buch „Inside AfD“ genauer beleuchtet. Sie beschreibt beispielsweise, dass alle politisch-gesellschaftlichen Themen mit Flüchtlingen oder Ausländern in Verbindung gesetzt werden, so dass ein Zerrbild in Bezug auf die Migrationspolitik und der zugehörigen Kriminalität entsteht. Durch das ständige Wiederholen solcher Bilder, werden Vorureile und Stereotype – und damit in Verbindung der Hass und die Diskriminierung von Migrant*innen – gefestigt und weiter reproduziert.

Diskursverschiebung nach rechts

Antidiskriminierende, rassistische, sexistische oder antifeministische Positionen sind derzeit keine Randerscheinungen, sondern teilweise bereits im Mainstream angekommen. Ein Beispiel hierfür ist die Anschlussfähigkeit der konservativen Journalistin Birgit Kelle, die sich klar und deutlich von der AfD einerseits, und von den Akteur*innen der Neuen Rechten andererseits, abgrenzt. Und doch gibt es zwischen Kelle und rechten Gruppierungen Schnittmengen und Übereinstimmungen in Bezug auf Haltungen oder Überzeugungen. Genau das ist eine der wichtigsten Strategien der Neuen Rechten: Die Verschiebung des Diskurses nach rechts.

„Begrifflichkeiten werden in den Szene-Medien, auf Protestbühnen und in den Theoriezirkeln erdacht und sollen im nächsten Schritt über etablierte Medien und Politiker in die Mehrheitsgesellschaft getragen werden. (…). Bereits heute ist es der neurechten Strömung auf diese Weise subtil gelungen, neue Worte zu etablieren oder wiederzubeleben. (…). In seinem Interviewbuch ‚Nie zweimal in denselben Fluss‘ spricht Björn Höcke, der AfD-Landeschef Thüringen, vom ‚bevorstehenden Volkstod durch den Bevölkerungsaustausch‘. Auch eine Politikerin der CDU verbreitete diese Verschwörungsideologie an ihre Anhänger“

(Fuchs, Middelhoff 2019, S.28, 29)

Es geht darum „eine konservative Revolution“ durchzuführen, einheitliches Denken zu etablieren sowie einen starken Nationalstaat einzurichten. Das eigene Volk wird heroisiert und in Abgrenzung zu anderen Nationen höherwertig dargestellt.

„Es geht den völkischen Rebell(inn)en darum, die Demokratie mit ihren eigenen Mitteln zu zerstören und hierbei jedes denkbare Instrument zu nutzen, um bei ihrem Kampf um eine völkische ‚kulturelle Hegemonie‘ erfolgreich zu sein. Die drei Schlüsselmomente dieses Angriffs der Antidemokrat*innen sind einerseits die Schaffung von (hochemotionaler) Daueröffentlichkeit für die eigenen Positionen, andererseits die Suggestion einer ungerechtfertigten Ausgrenzung von völkischen und rassistischen Positionen aus der öffentlichen Debatte unter dem Propagandalabel eines angeblichen Kampfes für Meinungsfreiheit und schließlich die Stilisierung der eigenen Positionen als ein Kampf gegen alle anderen, die dann als ‚Etablierte‘, ‚Systemparteien‘ o.ä. tituliert werden“

(Salzborn 2017, S.187)

Sexismus, Rassismus und Antifeminismus sind keine Meinungen, die im Spektrum der Meinungsfreiheit anzusiedeln sind, sondern sind Formen antidemokratischen Handelns. Auch wenn die Neue Rechte immer wieder auf die Verfassung verweist und vorgibt demokratische Werte zu vertreten, zeigen ihre Handlungen, ihre Wertvorstellungen oder ihre Ausdrucksweisen, dass sie im Kern die Demokratie bekämpfen wollen. Eine andere Meinung darf vertreten werden – das ist das Wesen von Demokratie – aber bestimmte Grundrechte dürfen dabei niemals verletzt werden.     

Danke, dass du dir Zeit genommen hast diesen Text zu lesen.

Quellen:

Literatur:

  • Fuchs, Christian. Middelhoff, Paul (2019): Das Netzwerk der Neuen Rechten. Wer sie lenkt, wer sie finanziert und wie sie die Gesellschaft verändern. Reinbek: Rowohlt Taschenbuch Verlag.
  • Hark, Sabine / Villa, Paula-Irene (2015): „Eine Frage an und für unsere Zeit“. Verstörende Gender Studies und symptomatische Missverstände. In: Hark, Sabine / Villa, Paula-Irene (Hrsg.): Anti-Genderismus. Sexualität und Geschlecht als Schauplätze aktueller politischer Auseinandersetzungen. Bielefeld: transcript Verlag.
  • Hark, Sabine / Villa, Paula-Irene (2018): Unterscheiden und Herrschen. Ein Essay zu den ambivalenten Verflechtungen von Rassismus, Sexismus und Feminismus in der Gegenwart. Bielefeld: transcript Verlag.
  • Salzborn, Samuel (2017): Angriff der Antidemokraten. Die völkische Rebellion der Neuen Rechten. Weinheim Basel: Beltz Juventa.
  • Wielowiejski, Patrick (2018): Antifeministische und antimuslimische Homofreundlichkeit in der Alternative für Deutschland. In: Lang, Juliane / Peters, Ulrich (Hrsg.): Antifeminismus in Bewegung. Aktuelle Debatten um Geschlecht und sexuelle Vielfalt. Hamburg: Marta Press UG.

Aus der Reihe APuZ (Zeitschrift der Bundeszentrale für politische Bildung):

  • Diehl, Charlotte / Rees, Jonas / Bohner, Gerd (2014/8): Die Sexismus-Debatte im Spiegel wissenschaftlicher Erkenntnisse. Ausgabe: Sexismus.
  • Meßmer, A.-K. / Hollstein, M. / Sezgin, H. / Bönt, R. (2014/8): Anmerkungen zur Sexismus-Debatte. Ausgabe: Sexismus.

Verwendete Materialien:

  • Kelle, Birgit (2018): Dann mach doch die Bluse zu. Ein Aufschrei gegen den Gleichheitswahn. Asslar: adeo Verlag.
  • Lasshan, Bernhard (2013): Frau ohne Welt. Trilogie zur Rettung der Liebe. Teil 1: Der Krieg gegen den Mann. Waltrop und Leipzig: Manuscriptum.

1 Kommentare

  1. „Aus einer Befragung mit Studierenden“: dieser Satzteil beschreibt das Problem der Studie:
    20-25 Jahre akademisch gebildete Menschen sagen es. Das dies ansatzweise repräsentativ für 35jährige Hauptschulabsolventen ist, muss explizit gezeigt werden.

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