Unperfekt – die Kolumne

Manchmal halte ich das perfekte Leben meiner Mitmenschen und meiner virtuellen Facebook-Freunde kaum mehr aus. Wieso schaffe ich es nicht ein perfektes Leben zu führen? Ein Leben, das ich vorzeigen kann. Ein Leben, das ich in Bildern auf meiner Facebook-Seite präsentiere und ich dafür von anderen gefeiert werde. Ein Leben, das wie am Schnürchen verläuft: Abi, Ausbildung oder Studium, Job und Karriere, Mann und Kinder, Häuschen und Garten, Urlaub, Grillpartys und Kaffeeklatsch. Ich schaffe es ja noch nicht einmal die Wohnung immer und zu jedem Zeitpunkt in einem tipp-topp-paraten Zustand zu erhalten. Dann schaue ich mich in meinem (virtuellen) Umfeld um und es scheint so, als würden die anderen – vor allem Frauen – all das mit links schaffen.

In Zeiten von Social Media geht es vor allem um das Vergleichen mit den Anderen: Wer ist hübscher? Wer hat den schlankeren Body? Wer hat das perfekte Lächeln? Wer hat die perfekt eingerichtete Wohnung? Wer hat den perfekten Partner bzw. die perfekte Partnerin? Das eigene Leben soll auf Facebook, Instagram und Co möglichst glatt und vollkommen aussehen. Ja, ich gebe es zu: Dieses perfekte Leben all dieser Menschen, die ihr Leben offensichtlich im Griff haben, setzt mich unter Druck. Ich hatte deshalb eine Zeitlang beschlossen komplett auf Facebook zu verzichten – einfach, weil ich es nicht mehr ausgehalten habe. Weil ich nicht mehr sehen wollte, wie toll und schön die anderen sind. Ich dachte eine völlige Abstinenz sei die Lösung. Doch nach über einem Jahr (!) Askese habe ich festgestellt, dass ich nicht glücklicher bin. Dass es ja noch außerhalb der virtuellen Welt dieses perfekte Leben gibt. Und es kann doch nicht die Lösung sein, mich komplett aus Social Media und Social Real Life zurückzuziehen!?

Sich miteinander zu vergleichen ist etwas Urmenschliches und wir tun es jeden Tag – egal ob bei Facebook, Instagram oder im Café. Ich habe wirklich versucht mich nicht mehr mit anderen Menschen zu vergleichen und bin kläglich gescheitert. Aber was macht das Vergleichen mit mir als Mensch? Aus welcher Perspektive kann ich meine Freundschaften und deren Leben betrachten? Und ich glaube diese Perspektive macht einen Unterschied: Bin ich ein*e Neider*in oder ein*e Gönner*in? Kann ich mich für andere, deren Glück und Erfolg freuen oder muss ich mich ständig größer darstellen, um andere kleiner zu machen? Ich habe festgestellt, dass ich nie die Ambitionen hatte ständig irgendwelche Selfies von mir ins Netz zu stellen. Oder, dass ich das Bedürfnis gehabt hätte meine Wohnung, meinen Körper oder sonst etwas andauernd zu präsentieren. Vielleicht auch deshalb nicht, weil ich mit mir selbst und mit dem was ich habe zu kritisch war und bin. Weil ich nicht das Gefühl habe, dass ich ein Leben führe, das man gut zeigen könnte, denn es ist nun einmal nicht perfekt – es ist unperfekt. Es ist kein Leben, das einer zu erwartenden gesellschaftlichen Norm entspricht. Ich verspüre nach wie vor nicht das Bedürfnis mich selbst und mein Leben gänzlich im Netz zu präsentieren. Dennoch möchte ich ein kleines bisschen Einblick gewähren, aber vor allem über Erlebnisse und Beobachtungen aus einem unperfekten Alltag schreiben. Und das werde ich – mehr oder weniger regelmäßig – in dieser Kolumne mit dem Namen „Unperfekt“ tun. Denn das Leben ist doch unperfekt viel bunter.

Ein Gedanke zu „Unperfekt – die Kolumne“

  1. Liebe Sandra,

    gut geschrieben. Ich denke dies sind Gedanken und Fragen, die so aktuell viele haben. Wichtig ist zu verstehen, WER Social Media wozu erfand. Respektive … Deren Erfinder finanzierte. Vergleiche gab es natürlich auch vor dem Internet und Socialmedia.. Aber nun sind Sie ein noch wichtigerer Faktor der Wirtschaft.

    Eine Neidgesellschaft kauft wesentlich mehr Güter. Unglückliche Menschen kaufen mehr Güter als glückliche Menschen. Es ist also ganz einfach. Ich führe durch Influencer einen nicht erreichbaren Lebensstil vor, dem ab diesem Moment alle hinterherrennen.

    Auch „normale“ Menschen posten dann in der Regel nur gute Momente auf socialmedialen Plattformen, da Sie eben diesem Ideal hinterherrennen. Ergo ergibt sich ein stark verzerrtes Bild der Realität. Von gephotoshopten Bildern über „guck mal mein neues Auto“, bis hin zu total verzerrten Familienbildern.. Alles einfach, alles toll, alles perfekt.

    Ich erwarte von Menschen eines gewissen Bildungsstands, diese Mechanismen zu durchschauen und zu durchbrechen. Überall wird nur mit Wasser gekocht. (Außer in WGs wenn man dann doch die Nudeln in Bier kocht, aber das ist ein anderes Thema). Glück beginnt durch Selbstakzeptanz. Jeder mag Dinge an sich nicht. Weil Sie von einer „Norm“ einem „Ideal“ abweichen. Unsere Generation muss verstehen, dass Normen da sind, um gebrochen zu werden. Ansonsten bewegen wir uns in eine immer oberflächlicher werdende Gesellschaft, deren Außendarstellung mit dem echten Leben der Protagonisten nichts zu tuen hat.

    Ich begrüße es, dass du dir diese Gedanken machst und dich NICHT in diese Spirale hereinziehen lässt. Ich poste zb viel auf Insta.. Aber.. Entspreche sicherlich auch vielen Normen und Idealen nicht. Das ist auch egal. Ich entspreche mir selber. Wir müssen einfach alle lernen, mit uns selber zufrieden zu sein, wie wir sind. Ab dem Moment ist alles was uns die Industrie an Normen vorgibt egal 🙂

    Grüße aus dem Rheinland 😉
    Stef

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