Oh Instagram, was hast du aus mir gemacht?

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Ich habe immer mal wieder Instagramkrisen und verfluche diese digitale Welt. Gleichzeitig merke ich oft gar nicht, wie ich mein Smartphone in die Hand nehme und diese App öffne. Jene Handlung scheint schon in Fleisch und Blut übergegangen zu sein. Ich schaue mir unendlich viele Stories an und beobachte dabei wie Menschen mit dem Hula-Hoop-Reifen im Rhythmus schwingen, wie sie ihre Wohnung putzen oder wie sie ihren Alltag gestalten. Im Nu verbringe ich 30 Minuten am Stück mit Instagram (mehrere Male am Tag) und fühle mich danach teilweise einfach nur schlecht. Oder aber ich habe mich influencen lassen und glaube eine Sache ganz dringend zu benötigen.

Seit einem Jahr habe ich einen sogenannten Business-Account. Ursprünglich wollte ich Instagram dafür nutzen, um meinen Blog etwas bekannter zu machen. Um meine Texte – die ich für den Blog (!) schreibe – ins Netz zu streuen und um vielleicht eine (kleine) Leser*innenschaft aufzubauen. Spoiler: Es kam anders. Mein Blog verkümmerte, denn ich habe auf einmal nur noch Texte mit maximal 2200 Zeichen für meinen Instagram-Account geschrieben. Die Reaktionen auf die eigenen Werke sind auf einer Social-Media-Plattform einfach schneller spürbar, während ein neuer Artikel auf dem Blog im großen weiten Netz einfach so verschwindet und die Reaktionen meistens ausbleiben oder sehr dünn ausfallen (außer natürlich dein Blog ist bekannt und du hast eine mehr oder weniger große Community bereits aufgebaut).

Anfangs hatte mich der Algorithmus bei Instagram noch gepusht und die Anzahl der Abonnent*innen war relativ fix im dreistelligen Bereich. Sobald ich einen Beitrag erstellt habe, flogen mir die Herzchen um die Ohren und in meinem Körper wurden die Glückshormone nur so ausgeschüttet. Zugegeben: Ich wollte dieses Gefühl wieder haben. Und zwar regelmäßig. Im Grunde funktioniert die Sache so ähnlich wie irgendwelche Belohnungsprogramme in der Pädagogik: Wer sich Regelkonform verhält, bekommt einen Aufkleber. Und bei so und so viel Aufklebern gibt es noch eine fette Überraschung obendrauf. Instagram macht das ähnlich: Bist du regelmäßig online und verhältst dich nach den Regeln des Algorithmus (man weiß zwar nicht, wie er ganz genau funktioniert, aber es gibt ein paar Anhaltspunkte, wie zum Beispiel: Regelmäßig posten, täglich eine Story erstellen, die Follower*innen mit in den eigenen Alltag nehmen), dann hast du vielleicht die Möglichkeit organisch zu wachsen (wobei man mittlerweile sagt, dass das bei Instagram gar nicht mehr möglich wäre).

Meine Texte bei Instagram kommen mal mehr, mal weniger gut an. Es ist eine Berg- und Talfahrt. Mal werde ich von Instagram mit einer guten Reichweite belohnt und die Herzchen kommen im Minutentakt bei mir an und das andere Mal interessiert sich kaum jemand für meinen Text. Doch im Grunde ist ein Wachstum weder spürbar noch in Aussicht. Klar, es kommen immer wieder neue Abonnent*innen dazu, gleichzeitig verabschieden sich welche. Das Niveau pendelt sich aktuell in einem bestimmten Bereich relativ konstant ein.

Eigentlich hatte ich anfangs gedacht, dass es mir total wurscht wäre, wie viele Abonnent*innen ich generiere. Weil es mir ja nur um die Texte geht. Das war (leider) eine Illusion, denn man kommt bei den Social-Media-Plattformen – wie etwa Instagram – nicht drum herum, sich mit anderen zu vergleichen. Letztlich geht es dann doch darum in irgendeiner Weise erfolgreich zu sein, also mindestens 10k Follower*innen zu besitzen, um zum Beispiel endlich die Swipe-Up-Funktion nutzen zu können. Und vor allem, um von den „Großen“ wahrgenommen, vielleicht sogar in ihren Inner-Circle aufgenommen, zu werden. Aber hey, immerhin habe ich die 1k nach fast einem Jahr geknackt. Ich habe es auch so weit gebracht, dass mir ein paar der „Großen“ folgen und sie meine Inhalte sogar schon geteilt haben. Das war letztlich auch der Grund, warum ich irgendwann die 1k überschritten habe: Weil mich bekannte Leute aus der Blogger- und Influencerszene in ihrem Content erwähnt und verlinkt haben. Man schwebt dann kurzfristig auf einer Erfolgswolke, um nach nur wenigen Tagen wieder hart auf dem Boden der Realität zu landen. Dann sind nämlich wieder einige der neuen Follower*innen gegangen und Instagram drosselt die Reichweite erstmal runter, mit dem schönen Hinweis man könnte ja mal daran denken die eigenen Beiträge zu bewerben. Das sitzt und meistens möchte man – also in diesem Falle ich – das auch nicht einfach so hinnehmen und versucht an dem vermeintlichen Erfolg anzuknüpfen. Und das heißt folgendes: Viele Stunden (unbezahlte) Arbeit in Content investieren, um einige unbekannte Menschen bei Laune zu halten und sie nicht zu verlieren. Was leicht passiert, der Unfollow-Button ist schnell gedrückt, sobald du keinen neuen Stoff lieferst oder etwas sagst, das den Leuten missfällt. Das wiederum bedeutet, dass du darauf achten solltest (wenn du auf Wachstum aus bist und wer ist das ehrlicherweise nicht?), nicht allzu sehr zu polarisieren. Der Druck wächst mit der Anzahl der Abonnent*innen und je mehr Menschen dazu kommen, desto häufiger habe ich mir die Frage gestellt: Kann ich das wirklich so schreiben oder sollte ich das nochmal überdenken?

Und jetzt nach einem Jahr? Nun bin ich von Instagram müde und ich frage mich: Was bitte tue ich da? Sollte ich mich in meinem Alltag nicht auf die Dinge konzentrieren, die mich wirklich weiterbringen? Schließlich verdiene ich mit all dem was ich bei Instagram tue – zum Beispiel Aufklärungsarbeit – keinen einzigen Cent. Doch die Miete und das Essen wollen weiter und vor allem regelmäßig bezahlt werden. Auf der anderen Seite mache ich diese Arbeit auch gerne. Ja, ich möchte Aufklärungsarbeit leisten. Ich schreibe auch gerne hin und wieder meine Gedanken- und Gefühlswelt auf und lasse andere daran teilhaben. Doch ich schaffe (und möchte) es einfach nicht mein komplettes Leben öffentlich zu machen. Ich bin nicht diejenige, die die Menschen in den Alltag mitnimmt. Wen interessiert es, was ich frühstücke oder wie ich in Sportkleidung aussehe? Ich fühle mich dabei nicht wohl und das würde sehr künstlich wirken. Natürlich habe ich auch schon aus meinem ganz privaten Leben etwas gezeigt, aber das sind minimale Ausschnitte, die ich ganz bewusst auswähle.

Meine Beiträge lassen sich nicht in dreißig Minuten produzieren, sie benötigen einige Ressourcen, vor allem viele Zeitressourcen (die ich nicht immer einfach so zur Verfügung habe). Erstelle ich zum Beispiel eine Story über ein bestimmtes Thema, dann brauche ich für ein Zwei-Minuten-End-Material bis zu zwei Stunden. Und das, was dabei herauskommt, ist nicht annähernd so professionell wie ich es mir vielleicht wünschen würde. Meine Kompetenzen sind irgendwann ausgeschöpft, denn ich komme aus dem Bereich Wissenschaft und nicht aus der PC-Branche oder aus der Grafiker- bzw. Werbebranche.

Klar, bekomme ich auch etwas zurück oder werde auf eine gewisse Weise „belohnt“, wenn ich Content erstelle: Zum Beispiel indem mir eine Handvoll neuer Leute folgen, in dem meine Beiträge geteilt oder kommentiert werden und in dem ich in Stories von anderen erwähnt werde. Aber am Ende des Tages kann ich mir von alledem nichts kaufen. Am Ende des Tages bin ich um zehn oder zwanzig neue Follower*innen reicher (davon bleiben vielleicht 40 Prozent längerfristig, der Rest geht früher oder später), sitze erschöpft an meinem Schreibtisch und sollte noch (unbezahlte) Care-Arbeit machen.

Ich komme immer wieder an den Punkt, an dem ich mir bestimmte Fragen stelle: Was möchte ich eigentlich mit meinem Blog und meinen Texten erreichen? Über welche Themen möchte ich auch längerfristig schreiben? Möchte ich mit meiner Arbeit vielleicht irgendwann ein bisschen was dazuverdienen? Wer bin ich im Netz und wer möchte ich sein? Wie möchte ich wahrgenommen werden und wie nicht? Was möchte ich preisgeben und was nicht? Was ist denn überhaupt meine Motivation Texte zu veröffentlichen? Bin ich vielleicht am Ende nur eine billige Kopie eines meiner Vorbilder? Und muss es denn sein, dass auch ich zum x-ten Mal über ein Thema schreibe, das schon längst ausgelutscht ist?

Immer wenn ich einer Instagramkrise bin, sage ich mir: Jetzt ist aber wirklich Schluss mit dieser App. Ich lasse mich doch nicht von einem dahergelaufenen Algorithmus vorschreiben wie und wann ich etwas poste. Das kann doch nicht wahr sein. Jetzt reicht es und ich höre auf. Jetzt. Sofort. Oder doch erst morgen? Den Schritt die App von meinem Handy zu schmeißen, habe ich (bisher) nicht gewagt. Ich wollte auch weder eine billige Kopie, noch einfach eine x-beliebige Bloggerin im Netz sein. Wenn ich ehrlich bin, wollte ich herausstechen und ich wollte vor allem eines: Gute und wertvolle Inhalte produzieren. Ich wollte mich aktiv in Diskurse einbringen und – ja richtig – auch meinen Senf dazugeben.

In den letzten Wochen habe ich viel nachgedacht und mich gefragt, wie es weitergeht. Ob es überhaupt weitergeht. Kann ich die Arbeit im Netz leisten oder ist es eine Bürde, die ich mir zusätzlich noch in meinem Alltag auferlegt habe? Ich habe radikal ausgemistet und viele Artikel herausgenommen. Mein Blog ist aktuell quasi leer. Vielleicht weil ich das Gefühl habe (nach zwei Jahren) ungefähr zu wissen, was ich im Netz möchte und wie mein Blog aussehen soll. (Was ja nicht bedeutet, dass Veränderungen und Entwicklungen nicht mehr möglich sind). Ich habe auch Lust meine knappe Zeit in längere Artikel zu investieren und möchte meinen Blog wieder aufleben lassen. Ich möchte ihn mit längeren und kürzeren Texten bestücken und mich nicht in einen Rahmen von 2200 Zeichen begrenzen lassen. Ich möchte lernen es auszuhalten, dass nicht sofort eine Reaktion (in Form von Herzchen oder Kommentaren) erscheint und dass meine Texte dennoch wertvoll sein können. Und dennoch hoffe und wünsche ich mir einen kleinen Kreis an Leser*innen aufzubauen, die sich an meinen Beiträgen hier erfreuen, die mich konstruktiv kritisieren und mit denen ich mich austauschen kann.

An dieser Stelle: Vielen Dank an all jene, die mich in den letzten zwei Jahren meines Netz-Aktivismus (wenn man das so nennen kann) in irgendeiner Weise unterstützt haben. Das sind einerseits Menschen, die regelmäßig meine Artikel gelesen und mit mir darüber diskutiert haben. Oder die, die mir einfach ein wertvolles Feedback auf den Weg gegeben haben. Diejenigen, die ich bei Instagram kennenlernen durfte und ohne die ich es nicht geschafft hätte die 1k zu knacken. Und ja, Instagram hat auch gute Seiten, denn ich habe viele tolle Frauen* kennengelernt, die mich inspirieren und die meinen Horizont erweitern. Also, ja: Mein Insta-Account bleibt bestehen. Und ja, ich werde ihn auch weiterhin aktiv benutzen – nur eben anders und bewusster.

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