Offener Brief an Michael Winterhoff

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Sehr geehrter Herr Winterhoff,

ich habe Ihr Buch „Die Wiederentdeckung der Kindheit“ gelesen und möchte Ihnen gerne eine Rückmeldung geben.

In Ihrem Buch wäre ich wohl Alexa, denn 1990 war ich sechs Jahre alt und es war das Jahr, in dem ich eingeschult wurde. Ja, ich freute mich sehr auf den Tag der Einschulung und auf die Schule – ich kann mich noch ziemlich gut an meine Grundschulzeit erinnern. Die ersten zwei Jahre waren großartig, ich habe mich wohlgefühlt, die Klassenlehrerin war ein Vorbild für mich, sie war uns Schüler*innen zugewandt, sie war freundlich, sie war beziehungsorientiert – kurz gesagt: Sie war das Beste was mir passieren konnte. Ich lernte gerne, weil ich einen direkten und sehr guten Bezug zu meiner Lehrerin hatte. In der dritten Klasse fand ein Klassenlehrerinnenwechsel statt und meine Motivation die Schule zu besuchen wurde immer geringer. Die neue Lehrerin war nett, sie war nicht besonders streng oder autoritär, aber es hatte nicht gefunkt. Ich hatte nicht das Gefühl, dass sie an uns Kindern ernsthaft interessiert war. Ich hatte nicht das Gefühl, dass ihr unsere emotionale Lage wichtig war. Ich hatte stattdessen eher das Gefühl, als müssten wir funktionieren. Damit kam ich nicht zurecht, also flüchtete ich mich in meine eigene Traumwelt. Am Ende der vierten Klasse wurde meinen Eltern die Hauptschule als die geeignete weiterführende Schule für mich ausgesprochen. Rückblickend würde ich sagen, dass sich meine damalige Klassenlehrerin der dritten und vierten Klasse lediglich auf meine erbrachten Leistungen konzentriert hatte. Aber sie hatte sich nicht dafür interessiert, wer ich war, warum ich keine Motivation hatte und weshalb ich mich in diese besagte Traumwelt begab. Alles was zählte waren Noten. Ich erinnere mich noch sehr genau an die Kämpfe mit meinen Eltern bei den Hausaufgaben: Viele, ja sehr viele Tränen sind geflossen. Dass ich dann letztlich nach nur einem Jahr die Hauptschule verlassen, danach die Realschule sowie das Gymnasium besucht und später studiert habe, verdanke ich nicht dem Schulsystem, sondern meinen Eltern.

Warum ich Ihnen das erzähle? In Ihrem Buch schreiben Sie, dass Kinder ihre Eltern sowie Erzieher*innen und Lehrer*innen steuern würden, sobald sie etwas machen sollen, was ihnen gerade nicht gefällt. Kinder seien Lustorientiert. Natürlich hatte ich damals keine Lust die Matheaufgaben zu machen. Ich war ein Kind, ein Grundschulkind! Und ich wollte spielen, ich wollte mich mit meinen Freund*innen treffen, ich wollte raus gehen, schwimmen gehen, toben usw. Mathe war nicht das was mich interessierte, zumindest nicht so wie es im Schulbuch gefordert wurde. Mathe wurde erst später interessant, erst ab dem Zeitpunkt, an dem ich einen Lehrer bekam, bei dem ich die Begeisterung für dieses Fach spürte. Bei dem ich aber gleichzeitig das Gefühl hatte, er war auch an uns Schüler*innen und somit auch an mir als Menschen, interessiert. Er wollte wissen, was genau für uns schwierig war. Es war ihm wichtig, auch jene Schüler*innen zu erreichen, die sich vor dem Fach Mathematik gruseln. Ja, erst dann konnte ich mich auf Mathe einlassen. Ja, erst dann war ich bereit Mathe nicht mehr als mein Feindbild zu sehen und hatte – siehe da – gute Noten. Nein, ich habe meine Eltern mit meinen Tränen nicht gesteuert. Es war die einzige Möglichkeit zu sagen: Da stimmt etwas nicht. Damals, als Kind, konnte ich meine Gefühlswelt noch nicht in Worte fassen, aber gespürt habe ich sehr wohl, dass ich leide. Es war der einzige Weg meine Integrität zu wahren und meine persönlichen Grenzen aufzuzeigen. Und ich finde, dass jeder Mensch – und somit auch jedes Kind – das Recht hat die eigenen Grenzen mitzuteilen.

In Ihrem Buch gehen Sie häufig darauf ein, dass Eltern, Lehrer*innen und Erzieher*innen heute eine partnerschaftliche Beziehung mit ihren Kindern eingehen würden und dass Kindern dadurch die Orientierung fehle. Sie fordern wieder mehr Klarheit, Strukturierung und Abgrenzung ein, vor allem auch in Bildungseinrichtungen. Ich stimme Ihnen zu, dass Kinder Orientierung brauchen und dass wir Erwachsene ihnen das bieten müssen. Die Frage ist nur ob sich eine partnerschaftliche Beziehung und Orientierung geben denn zwangsläufig ausschließen – so wie Sie es darstellen? Sie wünschen sich beispielsweise, dass Lehrer (wieder) Personen sind, die sagen was passiert, die sagen wo es lang geht und wonach sich die Schüler*innen richten müssen. Ohne Wenn und Aber. Bei den Hausaufgaben soll es keine Diskussionen geben, auch Strafarbeiten sind Methoden, die eingesetzt werden können. Da frage ich Sie: Ist das ernsthaft das was Sie wollen? Ich finde es grotesk, dass Sie so etwas (zurück)fordern! Diese Zeiten, in denen diese Methoden legitim waren, sollten wir doch schon längst überwunden haben!? Welche Botschaft kommt denn bei den Kindern an, was lernen sie dabei? Kinder lernen auf diese Weise, dass sie nur dann gut sind und gute Noten erhalten, wenn sie das tun, was ihnen gesagt wird. Sie lernen, dass ihre eigenen Gefühle keine Rolle spielen, dass es den Lehrer / die Lehrerin nicht interessiert, weshalb die Hausaufgaben nicht gemacht wurden. Sie lernen sich unterzuordnen, sie lernen gehorsam zu sein. Kreativität, eigenes Denken, eigene Ideen umsetzen, kritisch sein – all das kommt hierbei zu kurz. All das wird dadurch unterdrückt, kann nicht entfaltet werden. Und all das ist es, was wir heute so dringend brauchen.

Sie betonen einerseits immer wieder, dass Kinder angstfrei in die Schule oder in die Kita gehen sollen. Dass es wichtig sei Kindern zu vermitteln, sie könnten jederzeit mit Problemen oder Schwierigkeiten zu den Erwachsenen kommen. Andererseits fordern Sie strengere Strukturen ein, allerdings für den Leser verpackt in einer liebevollen Atmosphäre. So schreiben Sie in Ihrer Vorstellung und Ihrem Wunsch, wie es „ab morgen“ aussehen kann folgendes Beispiel (S.170):

„(…) Der 13-jährige Ben hat heute seine Hausaufgaben nicht gemacht und war im Unterricht wie abwesend. Der Lehrer bittet Ben nach der Stunde zu sich. Er macht ihm nochmal ganz deutlich, dass das ‚Vergessen‘ von Hausaufgaben keine Option ist. Wenn Ben erwachsen sein wird, muss er ja zum Beispiel auch dann seine Kinder versorgen, wenn es ihm nicht so gut geht. Ben weiß noch vom letzten Mal, dass er eine Strafarbeit aufbekommt, wenn er morgen seinem Lehrer die Hausaufgaben nicht zeigen kann. Also wird er sich Mühe geben. Herr Mencke ist aber noch nicht fertig mit ihm: ‚Es war schade, dass du heute nicht mitgemacht hast. Mit deiner Hilfe hätte die Klasse den gesuchten Lösungsweg viel früher gefunden. Ich erwarte von dir, dass du beim nächsten Mal wieder voll dabei bist.‘ Ben freut sich, dass sein Lehrer ihn so gut einschätzt. (…) Er weiß (…), dass er mit seinen Sorgen jederzeit zu seinem Lehrer gehen kann. Doch er beschließt sein Problem alleine zu lösen.“

Dieses Beispiel macht deutlich, dass Schüler*innen die Institution Schule zwar (gut) durchlaufen können, aber eben nur dann, wenn sie funktionieren. Herr Mencke interessiert sich überhaupt nicht dafür, weshalb Ben die Hausaufgaben nicht erledigt hat. Er fragt nicht einmal danach. Und er macht Ben indirekt Vorwürfe, dass die Klasse – aufgrund seiner geistigen Abwesenheit – nicht so schnell die Lösung gefunden hat. Dass Ben „jederzeit“ mit seinen Problemen den Lehrer aufsuchen kann, weiß er eben nicht. Er löst ja das Problem schließlich selbst und vertraut sich NICHT seinem Lehrer an. Beim Kind sowie bei den Lesern Ihres Buches kommt die Botschaft an: Probleme sollten möglichst alleine gelöst werden. Und es interessiert niemanden, weshalb du deinen Pflichten nicht nachgekommen bist. Natürlich müssen wir Erwachsene uns in bestimmten Situationen zusammenreißen und beispielsweise Kinder versorgen, Termine wahrnehmen, Dinge erledigen – auch dann wenn es uns nicht gut geht. Aber wenn wir verinnerlicht haben, wir müssen alles alleine schaffen, dann fällt es uns schwer(er) Hilfe in Anspruch zu nehmen. Wäre es stattdessen nicht sinnvoller Kindern zu vermitteln, dass es von Stärke zollt, wenn wir in der Lage sind zu sagen: „Hey, ich schaffe es gerade nicht. Mir geht es nicht gut, ich brauche Hilfe.“ Und das dürfen und sollen bitteschön auch Erwachsene sagen – auch, und vor allem dann, wenn sie Kinder haben. Hilfe in Anspruch zu nehmen – egal in welchem Alter sich ein Mensch befindet – ist keine Schande, sondern eine Stärke! Es gibt so viele Gründe, weshalb Ben die Hausaufgaben nicht gemacht hat – und doch ist das Erste was wir denken: Er war zu faul, er hatte keine Lust. Diese Haltung müssen wir dringend überdenken und überwinden.

In Ihrem Buch stellen Sie an unterschiedlichen Stellen fest, dass Kinder heute wie kleine Erwachsene behandelt werden. Nach Ihren Beobachtungen würden Kinder für das Wohlergehen der Bezugspersonen verantwortlich gemacht werden. Sie sehen dies kritisch und Sie sagen ganz klar: Das geht so nicht. Kinder haben ein Recht auf eine Kindheit. Ja, das stimmt. Da kann ich ein Stück weit mit Ihnen mitgehen, denn es ist in der Tat für die Entwicklung eines Kindes negativ, wenn es Verantwortung übertragen bekommt, die eine Überforderung darstellt. Davor müssen wir Kinder schützen. Allerdings frage ich mich, weshalb sich Ben im o.g. Beispiel Gedanken darüber machen solle, dass er einmal später Verantwortung für seine Kinder übernehmen müsse? Das ist doch gerade gar kein Thema für einen Jungen im Alter von 13 Jahren. Und wird Ben hierbei nicht auf eine Erwachsenenebene gestellt? Muss er da nicht schon Verantwortung übernehmen – zumindest in seiner Vorstellung, die er jetzt offensichtlich noch nicht tragen kann?

Sie setzen sich leider überhaupt nicht kritisch mit dem Bildungssystem auseinander, stattdessen scheinen Sie an diesen (veralteten) Strukturen festzuhalten. Sie stellen nicht jene Fragen, ob unsere Bildungsstrukturen überhaupt noch zeitgemäß sind oder wie und unter welchen Bedingungen Kinder am besten lernen können – all das sind jedoch Fragen, die heute mehr als aktuell sind. Richard David Precht geht in seinem Buch „Anna, die Schule und der liebe Gott“ genau diesen Fragen auf den Grund. Er beschreibt, dass unser aktuelles Schulsystem das Erbe des Endes des 19. Jahrhunderts ist. Damals wurden Schulen wie Kasernen gebaut, sie waren militärisch ausgerichtet und hatten das Ziel aus Kindern brave Bürger*innen zu machen. Der Staat benötigte Menschen, die weder kritisch sind noch quer denken, sondern, die kompetent bestimmte Dinge nach Vorschrift ausführen konnten. Natürlich gab es viele Reformen – das Bildungssystem wurde immer wieder modernisiert – aber die Grundstrukturen blieben fortwährend bestehen. Wenn wir uns nochmal das Beispiel „Ben“ anschauen und der Umgang des Lehrers, dann finden sich genau diese alten preußischen Strukturen wieder – und genau jene wollen Sie ernsthaft unterstützen?

Ein weiteres Problem ist, dass in Schulen Kinder nicht nach Leistung, sondern nach Herkunft bewertet werden. Kinder, deren Eltern Hartz IV – Empfänger sind, werden schlechter benotet als Akademikerkinder. Sie haben also gar keine Chance gesellschaftlich und beruflich aufzusteigen. Und das ist keine persönliche Meinung meinerseits, sondern in unterschiedlichen Studien nachgewiesen worden. Die Zeitschrift der Bundeszentrale für politische Bildung izpb („Sozialer Wandel in Deutschland“ / 2014) konstatiert folgendes: „Es ist wiederholt belegt worden, dass Bewertungen durch Lehrerinnen und Lehrer auch von leistungsfremden sozialen Kriterien beeinflusst sind, die zulasten der Kinder aus sozial schwachen Familien gehen. (…) Dramatischer und für die Bildungskarriere wichtiger sind die Auswirkungen der leistungsfremden Filter bei den Lehrerempfehlungen am Ende der Grundschulzeit. (…) Der starke Einfluss leistungsfremder Kriterien auf diese Empfehlungen zulasten der Kinder aus unteren Schichten wurde mehrfach empirisch nachgewiesen. Besonders eindrucksvolle Daten hierzu förderte 1996 die sogenannte LAU-Studie an 13 000 Hamburger Fünftklässlern zutage: Grundschullehrerinnen und –lehrer legen bei Kindern aus bildungsfernen Familien erheblich strengere Leistungsmaßstäbe bei der Empfehlung für das Gymnasium an als bei Kindern aus bildungsnahen Familien. (…) Die Internationalen Grundschul-Lese-Untersuchung (IGLU) – sozusagen die ‚PISA-Studien für Viertklässler‘ – belegen, dass sich an dieser Situation nichts verändert hat; zwischen 2001 und 2006 hat der Einfluss leistungsfremder Merkmale sogar noch etwas zugenommen.“

In Ihrem Buch werden gesellschaftliche Zusammenhänge nicht ausreichend dargestellt, vielmehr wird suggeriert, dass Erziehung und Bildung die alleinige Angelegenheit von Eltern und Pädagogen sei. Die Leser erhalten die Botschaft, dass „ab morgen“ alles gut werden kann, wenn Eltern „nur“ die Bedürfnisse der Kinder erkennen, ihnen Orientierung geben sowie in sich ruhen und wenn die Lehrer*innen ihren Schüler*innen Struktur, Abgrenzung sowie Klarheit vermitteln. Dass Erziehung und Bildung jedoch eingebettet ist in gesellschaftliche Verhältnisse und dass diese auf Familien und auf Bildungseinrichtungen wirken, vermisse ich in Ihren Erläuterungen. Ich frage Sie: Wie sollen Eltern in sich ruhen, wenn sie existenzielle Sorgen haben? Wie sollen Kinder gut und vernünftig lernen, wenn unser Bildungssystem längst überholt ist? Diese Fragen müssen wir heute diskutieren und eben NICHT den Kindern vermitteln, sie müssten gehorsam sein und sich unterordnen – das ist längst kalter Kaffee von vorgestern.

Sie stellen in Ihrem Buch das Jahr 1990 und das Jahr 2017 gegenüber. Diese Gegenüberstellung sehe ich als sehr problematisch an, weil Sie einige wichtige Kriterien nicht berücksichtigen. Eltern im Jahr 1990 und Eltern im Jahr 2017 standen und stehen vor völlig anderen Herausforderungen. Die gesellschaftspolitischen Strukturen waren damals andere, als heute. Und genau das thematisieren Sie überhaupt nicht in Ihrem Buch. Aber genau das ist wichtig, um zu verstehen, was Erziehung ausmacht und wieso Eltern oder Pädagogen so handeln wie sie eben handeln. Mitte der 90er Jahre etablierte sich die neoliberale Politik auch hierzulande immer mehr, das hatte zur Folge, dass sich die Strukturen in der Sozialpolitik massiv veränderten. Während damals, also Anfang der 1990er Jahre, die meisten einen sicheren und festen Arbeitsplatz hatten, ein Einkommen ausreichte um eine ganze Familie zu ernähren, der Staat für eine soziale Absicherung sorgte, die Rente für Menschen ausreichte, können wir heute in der Gegenwart nur noch davon träumen. Viele Familien leben heute in Armut oder sind von Armut bedroht und das Argument, dass Arbeit vor Armut schützen würde – wie es viele Politiker immer wieder behaupten – stimmt nicht. Dieses Argument ist eine Lüge des Kapitalismus, denn selbst vollzeitarbeitende Menschen – darunter viele Mütter und Väter – sind sogenannte „Aufstocker“, weil sie nicht einmal das Existenzminimum verdienen. Wohlgemerkt Vollzeit! Wir brauchen eine gute Sozial- und Bildungspolitik, die Familien absichert, die nicht nach Herkunft wertet und die Diskriminierungs- und Benachteiligungsstrukturen abbaut. Das ist die Basis auf der Menschen sich etwas aufbauen können, denn ohne Fundament steht kein Haus sicher. Ohne diese sichere gesellschaftspolitische Basis erreichen Sie die Menschen nicht. Dies beschrieb bereits Abraham Maslow mit seiner Bedürfnispyramide.

Beim Lesen Ihres Buches bin ich auf weitere Fragezeichen gestoßen. So habe ich mich gefragt, weshalb Sie behaupten Erzieher*innen dürften nicht mehr zwischen den Kindern vermitteln bzw. interagieren? Sie schreiben auf S. 57,58 zum Beispiel:

„Es ist ja nicht vorgesehen, dass Erzieherinnen einschreiten und den Kindern immer wieder die Regeln erklären und ins Gedächtnis rufen. (…) Der Kindergarten wäre der geeignete Ort, Versäumnisse zeitnah nachzuholen und grundlegende soziale Fähigkeiten wie Frustrationstoleranz zu vermitteln. 1990 wären Verhaltensauffälligkeiten bei einem Kind sofort aufgefallen, und die Erzieherin hätte verstärkt entsprechende Verhaltensweisen mit dem Kind eingeübt. Doch 2017 ist das Kindergartenpersonal buchstäblich zurückgepfiffen worden. Nun finden Luis und Luisa im Kindergarten eine ideale Umgebung, in der sie ihre Lustorientierung und ihr steuerndes Verhalten fast hemmungslos ausleben können.“

Ich habe noch nie erlebt – und ich komme aus der Branche – dass Erzieher*innen nicht einschreiten dürften. Dass sie angeordnet bekommen, sie müssten die Kinder machen lassen, auch dann wenn diese untereinander einen Konflikt haben. Oder dass sie Kinder nicht wickeln dürfen, wenn es das Kind nicht vorher erlauben würde (S.88). Das wäre ja fahrlässig und die Eltern würden zu Recht auf die Barrikaden steigen. Ich beobachte vielmehr den umgekehrten Fall: Von Kindergartenkindern wird heute sehr viel erwartet. Sie müssen mit vier Jahren schon fast bereit für die Schule sein, denn da werden die ersten Untersuchungen zur Schuleignung durchgeführt. Und wehe ein Kind besteht einer der Tests nicht, dann werden sofort alle möglichen Therapiemaßnahmen angeordnet. Außerdem werden heute mehr Kinder aus Sicht der Erzieher*innen für verhaltensauffällig erklärt, als noch im Jahr 1990. Nein, ich sehe es überhaupt nicht, dass der Kindergarten ein Ort ist, an dem die Kinder ihrem Lustprinzip folgen können. Ich sehe den Kindergarten heute als einen Ort, der auf die Schule vorbereitet und der von Vorschulkindern schon sehr viel, ja schon zu viel, abverlangt – darüber sollten wir vielleicht einmal kritisch diskutieren.

Nun möchte ich noch auf Ihre Kritik zum Medienkonsum vieler Erwachsener und Kinder eingehen. Dies thematisieren Sie immer wieder in Ihrem Buch. Sie sagen zum Beispiel auf S.144:

„Der Haupttreiber dafür, dass das Leben heute so unruhig geworden ist, ist die Durchdringung des Alltags mit digitalen Medien.“

Ihre Sorge und Ihre Kritik ist die, dass Menschen durch die Nutzung von digitalen Medien den Bezug zueinander verlieren und dass Eltern die echten Bedürfnisse ihrer Kinder nicht mehr wahrnehmen würden. Ich beobachte in der Tat ebenfalls Mütter und Väter, die mit ihren Smartphones beschäftigt sind, während ihr Kind daneben steht oder sonst etwas tut. Ich beobachte Mütter und Väter, die Kinderwägen schieben, dabei ihr Smartphone in der Hand haben und auf den Bildschirm starren. Und doch ist es wichtig zu erwähnen, dass dies lediglich Momentaufnahmen sind. Wir wissen nicht genau, weshalb die Mutter oder der Vater just in diesem Moment das Smartphone zückt. Auf der anderen Seite beobachte ich aber auch viele Mütter und Väter, die mit ihren Kindern zugewandt sprechen. Ich beobachte Mütter und Väter, die sehr liebevoll und feinfühlig auf die Bedürfnisse ihrer Kinder eingehen. Eine Pauschalisierung, dass aufgrund der Digitalisierung plötzlich alle Eltern für unfähig erklärt werden ist nicht fair und zeichnet ein viel zu einseitiges Bild. Übrigens ist diese Art der Kritik nicht neu: Bereits Platon kritisierte das Medium Schrift, weil er befürchtete, der Mensch sei zu faul zum Auswendiglernen. Als die ersten Kinos Anfang des 20. Jahrhunderts erfunden wurden, gab es ebenfalls kritische Stimmen: Der Mensch sei nicht in der Lage diese schnellen aufeinanderfolgenden Bilder richtig zu verarbeiten und es könne zu Gesundheitsschäden kommen. Später wurden dann auch Comics und ähnliches verpönt. Martin Dornes, der sich in seinem Buch „Die Modernisierung der Seele“ (2012) u.a. mit dem Thema Medien beschäftigt konstatiert folgendes (S.33): „Nahezu sämtliche Studien zur Mediennutzung zeigen (…), dass Jugendliche Medien zwar ausgiebig nutzen, aber dadurch weder den Kontakt zur Realität verlieren noch unsozial sind. (…) Wichtiger sind nach wie vor Sport treiben und sich persönlich mit Freunden treffen (Dworschak 2010 b, S.120).“

Herbert Renz-Polster und Gerald Hüther beschäftigt das Thema Medien in ihrem Buch „Wie Kinder heute wachsen“ (2013) ebenso. Die Autoren gehen hierbei differenziert vor. Zunächst beschreiben Renz-Polster und Hüther, dass Medienbashing „zu einfach“ sei und dass hinter den Entwicklungsproblemen der meisten Kinder und Jugendlichen vor allem Beziehungsprobleme stünden. Auch das pauschale Verteufeln der „Neuen“ Medien (so neu sind sie zwar nicht mehr, die Bezeichnung wird jedoch weiterhin verwendet) sei eine zu einfache Darstellung: „Wo nicht weniger als der Untergang des Abendlandes an die Wand gemalt wird, dürfte ein Blick auf ‚den Computer‘ nicht schaden. Natürlich kommen aus dieser Maschine viele Spiele, bei denen es um ‚instant gratification‘ geht – in etwa wie bei Elfer raus und Mau-Mau. Aber aus dieser Maschine kommen eben auch eine Menge Kleinkunst, Mikrokunst, Ideen zum Selbermachen, Briefe, Geschäftsideen, Blogs, Initiativen zur Rettung der Welt (…), von Schülerinnen entworfene Mode, von Studenten entwickelte Mitfahrzentralen, und für eine ganze Menge von Menschen kommt daraus sogar die einzige Hoffnung, dass ihre Kinder sich einmal in der globalisierten Welt ein Plätzchen schaffen können“ (S. 118 / „Wie Kinder heute wachsen“). Die beiden Autoren plädieren jedoch nicht im Umkehrschluss für einen Freispruch der Neuen Medien – auch das ist wichtig. Sie beschreiben stattdessen was Kinder für ihre Entwicklung brauchen, sie sind hier und da durchaus kritisch, zum Beispiel was den Umgang bestimmter Medien für Kleinkinder bedeutet, aber Renz-Polster und Hüther sind stetig auf der Seite der Kinder. Und genau diese Haltung – auf der Seite der Kinder zu sein – spüre ich in Ihrem Buch „Die Wiederentdeckung der Kindheit“ leider nicht. Ich spüre in Ihrem Buch eine gewisse Skepsis gegenüber Kindern und Jugendlichen. Ich spüre kein Vertrauen in die Fähigkeiten der kleinen und großen Menschen (S.178):

„Statt Schrauben bei den Personalschlüsseln immer weiter anzuziehen, muss sich die Bildungspolitik auf die in ihrer Entwicklung gestörten Kinder einstellen. Wir brauchen Pädagogen, die das Kind in seiner Störung verstehen und diese Störung in kleinen Gruppen mit viel Geduld und Einüben beheben können. Statt partnerschaftlichem Denken, das die Störung von Haus aus nur unterstützt und weiterträgt, brauchen wir ein heilpädagogisches Denken.“

Ja, auch ich sehe ganz klar, dass es heute Schwierigkeiten und Herausforderungen gibt, aber gab es die nicht schon immer? Wurden denn Kinder und Jugendliche nicht zu allen Zeiten als problematisch beschrieben? Und ja, wir benötigen eine andere Bildungspolitik – da stimme ich Ihnen zu. Aber nicht in dem Sinne, wie Sie es fordern. Wo bitte werden im pädagogischen Bereich die Personalschlüssel angezogen? Der umgekehrte Sachverhalt ist der Fall – es gibt zu wenige Erzieher*innen und Lehrer*innen und das ist ein Riesenproblem. Wir brauchen dringend sehr gut ausgebildetes Fachpersonal in unseren Kitas und Schulen, das nicht defizitorientiert arbeitet, sondern vielmehr die Ressourcen und die Vielfalt eines jeden Menschen erkennt.

Mir ist durchaus bewusst, dass Sie Arzt und Psychotherapeut und kein Gesellschaftsanalytiker sind. Mir ist auch bewusst, dass Sie Störungen behandeln – und ich finde, dass Ihre Profession eine wichtige gesellschaftliche Aufgabe erfüllt, auch das muss ich deutlich sagen. Dennoch finde ich – und das ist eine allgemeine Kritik – ist es wichtig gesellschaftliche und politische Zusammenhänge mitzudenken. Wir können den Menschen mit seinen Herausforderungen nur verstehen, wenn wir seine Umwelt miteinbeziehen. Als Leserin Ihres Buches erhalte ich den Eindruck, als seien Kinder und Jugendliche heute in eine tiefe Krise geraten und wir Erwachsenen müssten sie da wieder herausholen. Kinder und Jugendliche seien, so Ihr Verständnis, nicht mehr fähig einfache Zusammenhänge zu verstehen, können sich nicht mehr konzentrieren, hören nicht auf Autoritätspersonen, seien ungepflegt und faul und auf dem Arbeitsmarkt völlig überfordert. Genau diese Beschreibungen gab es zu allen Zeiten – auch zu Ihren und zu meinen. Ich finde diese Beschreibung von jungen Menschen erstens nicht gerecht und zweitens schlichtweg für falsch. Welche Erwartungen haben wir denn heute von Kindern und Jugendlichen? Einerseits sollen sie brav und angepasst sein, andererseits erwartet man eigenständiges und selbstständiges Handeln. Ja, was denn nun? Bestes Beispiel ist aktuell Greta Thunberg, sie setzt mit ihren 16 Jahren ein wichtiges Zeichen – und wird hierfür nicht nur respektiert, sondern auch ziemlich kritisiert.

Ich würde mir wünschen, dass Kinder und Jugendliche eine Stimme bekommen, insbesondere auch von jenen Menschen, die mit ihnen in Verbindung stehen!

Wir brauchen ein gesellschaftliches Klima, das Kinder und Jugendliche wahrnimmt in ihrem Sosein. Wir brauchen ein gesellschaftliches Klima, das Kinder und Jugendliche nicht diskriminiert, sondern wertschätzt und einbezieht. Wir brauchen ein gesellschaftliches Klima, das beziehungsfähig ist – und diese Beziehungsfähigkeit müssen wir Erwachsene zunächst unseren Kindern gegenüber vorleben.

Ich wünsche Ihnen alles Gute und hoffe, dass Sie meine Kritik konstruktiv annehmen.

Herzlichst Ihre

Sandra Siehl

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