Nichts ist wie es scheint. Über Fremd- und Eigenwahrnehmung

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Meine Woche war hart. Die Erschöpfung steigt am Ende der Woche jedes Mal an und gleichzeitig ist sie meistens unsichtbar. Es gibt aber Momente in meinem Alltag, bei denen ich zumindest ein bisschen auftanken kann. Dieser hier ist zum Beispiel ein solcher Moment. Das Schreiben lässt mich aufatmen, es gibt mir das Gefühl des bei mir angekommen Seins und ich kann daraus Kraft schöpfen. Diese Woche gingen mir so unglaublich viele Dinge durch den Kopf. Und diese Woche war eine Woche, in der ich sehr viel Weltschmerz in mir hatte. Vor ein paar Tagen habe ich bei Instagram eine persönliche Nachricht erhalten, in der mich eine Abonnentin etwas fragte und zum Schluss folgenden Satz schrieb: „Ich mag deine Art unangenehme Themen anzusprechen und diese zu reflektieren. Manchmal würde ich mir wünschen genauso selbstsicher zu sein.“ Natürlich hat es mich gefreut, gleichzeitig fand ich es total spannend und irritierend, wie ich offensichtlich wahrgenommen werde.

Wie ich wahrgenommen werde und wie ich mich sehe

Es geht mir tatsächlich immer wieder so, dass ich als eine selbstbewusste, sichere oder  taffe Frau von meinem Gegenüber beschrieben werde. Ich bekomme nicht selten die Rückmeldung, dass ich mutig sei, weil ich unangenehme Themen anspreche oder weil ich Texte ins Internet schreibe und meine Meinung äußere. Ich selbst hätte es nicht einmal im Ansatz gewagt, mich als selbstbewusst oder selbstsicher zu beschreiben. Eigentlich trage ich so viele (unsichtbare) Selbstzweifel mit mir herum, die ich in der Vergangenheit versucht habe zu bekämpfen. Gleichzeitig bin ich trotz dieser Zweifel Aktivistin. Ich bin offensichtlich trotzdem in der Lage Texte zu veröffentlichen, die unbequem sind, die sogar polarisieren und bei denen ich nach Veröffentlichung einiges aushalten muss. Gerade in den sozialen Netzwerken bekomme ich viel Gegenwind und manchmal auch Hass. Ich werde regelmäßig blockiert und natürlich macht das etwas mit mir und geht nicht spurlos an mir vorbei.

Aktivistisch sein, laut sein, die Stimme erheben – das steht nicht automatisch dafür, dass jemand ein besonders ausgeprägtes Selbstwertgefühl hat. Dies gleichzusetzen ist ein Trugschluss und oft einfach falsch. Ich bin in vielen Situationen im Alltag eher still, leise und unsichtbar. Und manchmal frage ich mich, ob ich so bin, weil es einfach meinem Wesen entspricht oder weil ich gelernt habe so zu sein. Wahrscheinlich ist beides zutreffend. Meine Selbstzweifel fressen mich manchmal so sehr auf, dass es mich innerlich fast zerreißt. Ich erlebe überhaupt meine Gefühle als sehr stark – und zwar in alle Richtungen: Sowohl Freude, als auch Trauer und Wut. Es ist oft schwer die Intensität jener Emotionen in mein Innenleben zu integrieren und sie auf eine Weise auszudrücken, die gesellschaftskonform ist.

Wer bin ich? Und wie darf ich sein?

Ich bin sehr nah am Wasser gebaut. Bei mir steigen schnell die Tränen auf. Ich habe große Angst davor Fehler zu machen, Menschen unabsichtlich zu verletzen oder zu scheitern. Natürlich bin ich mir darüber bewusst, dass all das geschieht. Dass es sich nicht vermeiden lässt, beispielsweise einer Person zu nahe zu treten, obwohl ich das gar nicht möchte. Ich mache Fehler und ich werde scheitern. Und zwar immer wieder. Meine Texte von heute werde ich morgen kritisieren, weil ich neue Erkenntnisse und neue Sichtweisen gewonnen habe.

Mein Weinen und mein Wütend-sein ist für die allermeisten unsichtbar. Genauso meine Erschöpfung, meine Ängste und mein tiefes Traurig-sein. Und doch gehört auch diese Seite zu mir. Ich struggle mit ihr fast täglich und wünschte mir, ich könnte sie sichtbarer machen. Teilweise tue ich es ja schon, in dem ich solche Texte veröffentliche. Und am Ende ist das aber nur ein Bruchteil meines Seins. Solche Texte zu schreiben und sie jedem*r öffentlich zur Verfügung zu stellen, ist eine Überwindung die genauso wenig sichtbar ist. Ich hadere zum Beispiel genau in diesem Moment mit mir und frage mich, ob ich nicht alles was ich bis hierher geschrieben habe, einfach löschen sollte. Noch könnte ich es mir schließlich überlegen und den Text zurückhalten.

Was passiert, wenn ich mich zeige?

Sich verletzlich zu zeigen, Unsichtbares sichtbar zu machen und Position zu beziehen, macht uns nicht nur verletzlich, sondern auch angreifbar. Es macht uns nicht unbedingt beliebt(er), auch wenn das manchmal den Anschein macht. Wir werden vielleicht für manche sogar zur Hassfigur. Ich spüre jenen Hass, aber auch Ablehnung und Enttäuschung – vor allem von Menschen, die mir einst persönlich nahe standen. Sie äußern ihre tiefste Ablehnung mir gegenüber, indem sie mich ignorieren und mich gleichzeitig – mehr oder weniger offensichtlich – im Netz genauestens beobachten. Das entgeht mir nicht. Und auch das macht etwas mit mir.

Und natürlich habe ich mich ganz alleine dafür entschieden öffentlich zu schreiben und mich in den öffentlichen Diskurs einzubringen. Das war – und ist – meine freie Entscheidung. Ich habe mich ganz bewusst dafür entschieden mich zu zeigen, einmal als Mensch, aber auch als eine Person mit einem Expertinnenwissen in einem bestimmten Bereich. Dennoch ist all das eben nicht gleichbedeutend mit einem hohen Selbstbewusstsein.

Es gab Zeiten, in denen ich versucht habe meine Selbstzweifel zu bekämpfen. Heute mache ich das nicht mehr, weil sie ein Teil von mir sind und ich sie versuche anzunehmen Und auch da gibt es Tage, an denen ich das gut schaffe und dann wieder nicht. Das ist so und das wird auch immer so sein. Ja, es ist in Ordnung zu zweifeln und diese zu äußern. Ich glaube, als Jugendliche und als junge Erwachsene in den 20ern hätte ich mir gewünscht einen solchen Text zu lesen. Vielleicht habe ich ihn auch deshalb geschrieben. Für mein 16 Jähriges Ich, das nicht nur mit den Selbstzweifeln gehadert hat, sondern vor allem damit, dass sie sich für sie geschämt hat.

Herzlichst, Sandra

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