Nicht alle, die sich Feministinnen nennen, sind es auch

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Ich bin recht spät zum Feminismus gekommen. Da war ich bereits in den Dreißigern, hatte schon einige Jahre Berufserfahrung gesammelt und mich dazu entschlossen einen Master in Erziehungswissenschaft zu belegen. Dort kam ich zum ersten Mal mit feministischen Theorien in Berührung. Diese hatten mich regelrecht wachgerüttelt – an manchen Stellen zwar schmerzhaft, an anderen wohltuend. Ich hatte nach und nach das Gefühl, die Dinge, die um mich herum passieren, besser zu verstehen. Schmerzhaft waren die Auseinandersetzungen deshalb, weil ich verstand, dass das Patriarchat nicht vorbei ist (und ich eben lange in der Illusion der echten Gleichberechtigung lebte, obwohl ich Ungerechtigkeiten am eigenen Leib spürte, aber mir selbst die Verantwortung hierfür gegeben habe). Ich habe verstanden, dass Frauen nach wie vor benachteiligt sind. Dass Gleichberechtigung ein Papiertiger ist und wir noch einen (wahrscheinlich längeren) Weg vor uns haben. Und auch, dass nicht alle Frauen solidarisch mit Frauen sind, sondern einige von ihnen ebenfalls patriarchale und frauenverachtende Strukturen reproduzieren.

Brauchen wir Feminismus überhaupt noch?

Es sind nicht nur frauenverachtende Strukturen, die ständig in unserem Alltag verteidigt und reproduziert werden, dazu gehören auch rassistische, behindertenfeindliche oder transfeindliche Praktiken. Alles im Namen der Meinungsfreiheit und Demokratie – oder anders ausgedrückt: Um den privilegierten, alten, weißen Mann nicht vom Thron zu stoßen. Natürlich sind Frauen heute im Berufsleben und durchaus in Führungspositionen vertreten. Und ja, wir werden seit fast 16 Jahren von einer Frau als Bundeskanzlerin regiert. Frauen gehen einer Erwerbsarbeit nach, sie sind Wahlberechtigt (seit ca. 100 Jahren. Applaus.) und sie dürfen sogar ein eigenes Konto einrichten. Das sind alles Errungenschaften aus dem letzten Jahrhundert und damit meinen nun viele: Jetzt ist alles gut. Jetzt sind die Frauen angekommen, denn sie haben alle Rechte, die Männer auch haben. Das steht sogar im Gesetz. Feminismus hat sich also erledigt, wir brauchen den Feminismus nicht mehr. Was wollen die Frauen denn jetzt noch? Wollen sie vielleicht Rache an den Männern ausüben? Wollen sie Männer gar unterdrücken? Oder wollen sie die Weltmacht erreichen und sich über den weißen Mann stellen?

Die Illusion einer wahrhaftigen Gleichberechtigung

Bringen wir es doch einfach auf den Punkt: Chancengleichheit zwischen den Geschlechtern ist noch nicht erreicht. Das zeigt unter anderem der zweite Gleichstellungsbericht der Bundesregierum vom März 2017. Hier wird beispielsweise deutlich, dass Hausarbeit und Kindererziehung vor allem von Frauen ausgeübt wird. Dies wird auch als Gender-Care-Gap bezeichnet:

„Der Gender Care Gap erfasst den relativen Unterschied in der täglich für Care-Arbeit verwendeten Zeit zwischen Männern und Frauen. Er gibt an, um wieviel Prozent die Zeit, die Frauen im Durchschnitt pro Tag für Care-Arbeit aufwenden, die durchschnittliche Dauer der täglichen Care-Arbeit von Männern übersteigt.“

zweiter Gleichstellungsbericht der bundesregierung

Im Jahr 2012 / 13 betrug der Gender-Care-Gap 54,4 Prozent. Mit diesem Gender-Care-Gap geht auch gleichzeitig einher, dass sich das Einkommen von Männern und Frauen unterscheidet. Frauen befinden sich häufiger in einer Teilzeitbeschäftigung und tragen somit ein höheres Armutsrisiko. Jutta Allmendinger schreibt dazu folgendes:

„Mit den hohen Unterschieden im Arbeitsvolumen und dem hohen Gender Care Gap geht einher, dass sich die Monats-, Jahres- und damit auch Lebenseinkommen zwischen Frauen und Männern in Deutschland stark unterscheiden. Der Gleichstellungsbericht weist für das Jahr 2016 einen Gender Lifetime Earnings Gap – er zeigt den Unterschied des Gesamterwerbseinkommens im Lebensverlauf von Männern und Frauen – von 48,8 Prozent aus. (…) Der Rückstand von Frauen gegenüber Männern im Gesamteinkommen des Lebensverlaufs ist am unteren Ende der Verteilung der Lebenserwerbseinkommen am höchsten und nimmt mit steigendem Lebenserwerbseinkommen ab: Für die 5 Prozent Frauen und Männer mit niedrigsten Lebenserwerbseinkommen liegt die Lücke bei 69 Prozent, für die 5 Prozent mit dem höchsten Lebenserwerbseinkommen bei 34 Prozent.“

In: Teilhabe für alle. elke diehl (HRSG.)

Wir alle leben in den gleichen Strukturen

In meiner Generation erlebe ich Frauen – auch in meinem eigenen Umfeld -, die sich nach außen emanzipiert zeigen, die berufstätig sind und sich dennoch (teils unbewusst) den Ungleichheitsstrukturen des Patriarchats unterwerfen. Sie sind vielleicht genervt, weil sie so viel Sorgearbeit, neben ihrer Voll- oder Teilzeitanstellung, haben, aber sie prangern niemals die strukturelle Ungleichheit an. Das scheint halt so zu sein. Frauen sind nun mal diejenigen, die das schon immer gemacht haben. Vielleicht können Frauen diese Fürsorge-Tätigkeiten einfach besser? Wir kennen doch alle den Spruch, der immer mit einem Lachen versehen ist: „Ich mache lieber den Haushalt selbst, denn wenn mein Mann putzt, kann ich nicht zuschauen. Außerdem weiß ich hinterher nicht, ob es richtig sauber ist.“  Und die Männer? Die sind fein raus, denn sie können es halt nicht. (Anmerkung: Es gibt natürlich nicht die Männer).

Im Grunde unterwerfe ich mich ja ebenfalls jenen ungerechten Strukturen. Als Feministin, die das Patriarchat kritisiert, bin ich nicht automatisch raus. Ich lebe in diesen Strukturen und reproduziere sie (leider) jeden Tag selbst. Auch ich bin beispielsweise von der (Mehr)Belastung der Sorgearbeit betroffen. Ich tue es, weil es tatsächlich manchmal einfacher (bequemer) ist. Weil ich Konflikte vermeiden kann, die durch eine Diskussion über eine gerechte Verteilung der Care-Arbeit entstehen würden. Weil ich die Kraft, die in jenen Diskussionen hineinfließen würde, gerade anderweitig eher benötige. Da ist es dann in dem einen Moment leichter, schnell die Küche selbst aufzuräumen oder geschwind selbst das Bad zu putzen.

Frauen sind nicht automatisch für Gleichberechtigung

Was mich immer wieder betroffen macht, ist, dass Frauen sich manchmal gegen Frauen stellen. Dass sich Frauen nicht automatisch mit ihren Geschlechtsgenossinnen solidarisieren – ganz im Gegenteil sogar. Nicht alle, die sich Feministinnen nennen, sind es auch. Es gibt Frauen, die sich als Frauenrechtskämpferinnen verstehen, aber gänzlich antifeministisch agieren. Und es gibt genauso Männer, die das Patriarchat anprangern und solidarisch mit Feministinnen sind. Es ist – wie so oft im Leben – nicht immer so einfach wie es scheint.

Der Kampf (ja, ich empfinde es als Kampf) zur echten Geschlechtergleichberechtigung geht weiter. Damit meine ich nicht nur die Gleichberechtigung zwischen Männern und Frauen, denn auch das gehört zu meinem Feminismus dazu: Die Bekämpfung der Heteronormativität und die Abschaffung des Konzeptes der Zweigeschlechtlichkeit.

Feministische Grüße

Sandra

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