Menschen sind keine Maschinen – und das ist auch gut so!

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Mensch als Maschine

Eigentlich sollte ich die Hausarbeit für die Uni schon längst geschrieben haben und eigentlich sollte ich bereits die nächste Aufgabe für das Forschungsprojekt bearbeiten. Doch ich sitze einfach nur da, starre den PC an und es gehen mir ständig andere Dinge durch den Kopf. Ich kann mich nicht konzentrieren, aber ich muss! Ich muss! Ich muss! Das ist die Stimme in meinem Kopf und ich würde ihr so gerne sagen „Halt jetzt endlich mal deine verdammte Klappe!“

Und dann frage ich mich, warum studiere ich eigentlich nochmal? Ja, ich bin schon in den Dreißigern, bin Sozialpädagogin, war im Berufsleben, hatte ein regelmäßiges Einkommen, stand in einem unbefristeten Arbeitsverhältnis und habe mich dennoch für ein Aufbaustudium entschieden. Weil ich mich weiterbilden wollte und ja, weil ich mir vielleicht auch eine höhere Laufbahn in meinem Beruf erhoffe. Für diese Entscheidung habe ich aus meinem Umfeld einerseits Mut sowie Bewunderung erhalten, andererseits auch fragende Gesichter: Was, du möchtest wieder studieren? In deinem Alter? So oder so ähnlich waren die Botschaften. Ich habe mich davon nicht irritieren lassen, ich gehe meinen Weg und das ist okay. Und so habe ich mich über die Zusage meines gewünschten Studienganges in Erziehungswissenschaft total gefreut – und auch so ein bisschen über das Dasein wieder eine Studierende zu sein. Ich hatte die Vorstellung, dass ich endlich Zeit habe. Zeit zum Lesen, Zeit mich intensiv mit Themen auseinanderzusetzen, Zeit zum Schreiben, Zeit zum Forschen und Zeit für die Wissenschaft. In meiner Vorstellung saß ich viele Stunden in der Bibliothek und vertiefte mich in wissenschaftlicher Literatur. Nun gut, da war ich im Nachhinein betrachtet möglicherweise etwas naiv. Diese Vorstellung ist relativ schnell wie eine Seifenblase zerplatzt, denn das Studenten-Dasein ist alles andere als mit Zeit verbunden. Studieren heute bedeutet von einer Vorlesung in die nächste hetzen. Zeit, sich über die Inhalte der Vorlesung Gedanken zu machen, diese zu reflektieren – das ist eine Illusion! Und von wegen stundenlang den Kopf in Bücher stecken, ja die Literatur wirklich zu studieren – es ist nicht umsetzbar. Das frustriert mich ungemein. Und doch habe ich solch einen Drang nach Tiefgang. Ich habe das Bedürfnis nicht nur das gelernte und erfahrene Wissen wiederzukäuen, ich möchte verstehen, ich möchte eintauchen, ich möchte reflektieren und ich möchte mich als Person mit der Wissenschaft bitteschön kritisch auseinandersetzen können und dürfen. Und dafür brauche ich Zeit!

Ich beobachte die Studierenden auf dem Campus, diese jungen Menschen, die meisten von ihnen erst Anfang zwanzig, rennen von einem in das nächste Gebäude. Auch wenn einige auf den Bänken sitzen und sich unterhalten, sie sehen irgendwie müde und gestresst aus. Ich frage mich immer wieder: Haben diese Menschen nicht auch das Bedürfnis nach mehr Zeit? Mein Eindruck ist, dass sich viele mit dem System arrangieren, frei nach dem Motto: Mitschwimmen oder Absaufen! Wer nicht mitkommt und mitmacht, der muss gehen. Ja, auch ich versuche mit zu schwimmen, weil ich meinen Uni-Abschluss erreichen möchte. Außerdem ist es nicht möglich sich Gedanken über Veränderungen zu machen. Wie denn auch? Es ist auch hierfür schlicht keine Zeit vorhanden.

Manchmal frage ich mich: Ist das politisch so gewollt? Sollen Reformen, wie zum Beispiel die Bologna-Reform im Bildungssektor, dazu dienen, dass Menschen „nur“ noch ausgebildet werden? Also, dass die künftigen Generationen immer weniger in der Lage sind sich kritisch und reflektierend mit unseren Strukturen auseinanderzusetzen? Den neoliberalen Gedanken saugen die jungen Menschen bereits mit der Muttermilch auf, er wird von der breiten Masse wenig in Frage gestellt.

Vielleicht weil er zur „Normalität“ geworden ist? Selbst jene Menschen, die abgehängt sind, die in prekären Arbeitsverhältnissen stehen oder sogar in das Sozialsystem abgerutscht sind, äußern sich wenig kritisch. Sie haben zwar einerseits den Wunsch nach einem „besseren Leben“ (was auch immer das bedeuten mag), andererseits haben sie nicht das Gefühl etwas verändern zu können. Sie resignieren. Das ist schade und dennoch völlig nachvollziehbar. Diese Menschen sind viel zu sehr mit ihrem eigenen Leben, dem eigenen Alltag und den eigenen Sorgen beschäftigt. Da bleibt einfach keine Zeit sich kritisch mit dem System in dem sie leben bzw. ausharren auseinanderzusetzen. Menschen müssen irgendwie mitmachen, um nicht unterzugehen. Da ist es vielleicht sogar klüger mit dem System mitzugehen, um nicht noch weiter zu sinken. Wer hat da schon das Privileg sich Gedanken über etwas zu machen, was sich gefühlt sowieso nicht verändern lässt?

Ich bin keine Maschine! Ich funktioniere nicht auf Knopfdruck! Ich bin ein Mensch! Und das bedeutet, dass ich nicht auf Knopfdruck wissenschaftliche Arbeiten verfassen kann. Dass ich nicht auf Knopfdruck anspruchsvolle Texte in einer gewissen Zeit lesen (und verstehen!) kann. Dass ich nicht auf Knopfdruck forschen kann. Ich brauche Zeit, eine sehr wichtige Rahmenbedingungen, um überhaupt studieren und lernen zu können. Es wird gesagt, dass die Zeit zum Studieren akribisch ausgerechnet wird. Es liege in der Verantwortung der Studierenden mit dieser zur Verfügung gestellten Zeit auch umzugehen und wenn es für den ein oder anderen nicht ausreichend ist, dann sollte sich er oder sie Gedanken über das eigene Zeitmanagement machen (da haben wir den neoliberalen Gedanken wieder). Und so habe ich immer einen gewissen Zeitdruck im Nacken, der wiederum nicht förderlich für das Lernen ist. Ja, ich bin eine langsame Lernende, das war ich schon immer. Dafür tauche ich aber wiederum tief in die Materie hinein und wenn ich für etwas brenne, dann sauge ich alles auf was ich bekommen kann. Aber da bleibt immer dieses eine Gefühl: Dieses Gefühl hinterherzuhinken und selbst schuld daran zu sein. Das macht müde. Es macht aber auch wütend, weil man eingeredet bekommt nicht richtig zu sein. Es fühlt sich an, als seien alle anderen besser, weil sie eben schneller sind. Als ob „schnell sein“ etwas mit Intelligenz zu tun hat. Man bekommt zu hören, andere schaffen es doch auch in dieser Zeit den Stoff zu lernen und andere beschweren sich auch nicht. Und so wird eher an sich selbst und weniger am System gezweifelt – toller Effekt!

Menschen sind keine Maschinen! Menschen funktionieren nicht auf Knopfdruck! Leider wird der Alltag von Menschen so getaktet, als seien sie Maschinen, die auf Knopfdruck funktionieren (müssen). Die unterschiedlichen Zugänge, die unterschiedlichen Fähigkeiten, die unterschiedlichen Chancen – das wird nicht (mehr) in Betracht gezogen und das obwohl wir in Zeiten von Diversity und Differenz leben! Es ist irgendwie schräg, denn einerseits wird Vielfältigkeit und Differenz gewünscht, andererseits finden konforme Prozesse statt. Es ist mittlerweile gesellschaftlich legitim das eigene Geschlecht, die eigene Identität selbst zu bestimmen – das begrüße ich wirklich sehr – aber es ist offensichtlich nicht legitim ein eigenes Lerntempo zu haben. Es ist nicht legitim zu sagen: Ich habe es nicht geschafft die Arbeit zum Termin x fertig zu stellen, weil ich eine Pause benötigt habe, weil ich mich erholen musste. Es ist auch nicht erwünscht zu sagen: Ich brauche mehr Zeit! Egal ob das nun im Studium, in der Schule oder im Berufsleben ist: Mit solchen oder ähnlichen Aussagen macht sich eine Person angreifbar. Es wird ihr vielleicht sogar Faulheit unterstellt. Stattdessen wird effizientes und wirtschaftliches Arbeiten gefordert – und zwar in allen Lebensbereichen. Es geht um Optimierungsprozesse und darum aus der vorhandenen Zeit das Beste herauszuholen. Wer nicht mitmacht oder nicht mitmachen kann, erfährt Ausgrenzung und Sanktionen. Und wer funktioniert, erhält im Gegenzug Anerkennung. Die Frage ist, ob es genau diese Anerkennung ist, die wir brauchen und die uns stärkt? Oder ist es nicht eine Anerkennung, die den Menschen letztlich kleinhält und die Botschaft keine Wertschätzung, sondern vielmehr eine Geringschätzung ist? Denn sobald wir aus dem Rahmen fallen, weil wir aus menschlichen Gründen nicht funktionieren, erhalten wir sofort in irgendeiner Form eine negative Rückmeldung. Ein Kind, das zum Lesen lernen länger benötigt, als im Lehrplan vorgesehen, wird in die Nachhilfe und zur Förderung geschickt. Botschaft: Deine Mitschüler sind besser, weil sie schneller sind. Studierende, die es nicht schaffen ihre Arbeiten zu einem bestimmten Zeitpunkt fertig zu stellen, erhalten möglicherweise kein Bafög mehr, weil auch da ein zeitlicher Rahmen vorgegeben ist. Botschaft: Wer das Studium nicht innerhalb eines bestimmten Zeitfensters schafft, ist selbst daran schuld.

Der Mensch mag vielleicht eine Zeit lang funktionieren, weil er ein hoch kooperatives und soziales Wesen ist. Der Mensch hält auch unglaublich viel aus. Und dass es bestimmte Regeln und Vorgaben innerhalb einer Gesellschaft benötigt, um ein Zusammenleben möglich zu machen, ist doch völlig klar. Doch die neoliberale Entwicklung der letzten Jahre ist eine Richtung, die Menschen in „Gewinner“ und „Verlierer“ sortiert. Und die „Gewinner“ stehen von vornherein fest, da dürfen wir uns doch nichts vor machen. Das Versprechen, wer sich anstrengt aus dem wird was, ist eine Lüge! Wer arm geboren wird, bleibt arm. Wer aus einer bildungsfernen Familie kommt, hat kaum die Möglichkeit das Abitur zu machen. Ausnahmen mag es vielleicht geben, das möchte ich gar nicht bestreiten, aber für die meisten Menschen ist der Weg aufgrund seiner Schichtzugehörigkeit vorgegeben.

Ist das fair? Wollen wir wirklich so weitermachen? Wollen wir weiter wie Maschinen versuchen zu funktionieren? Wollen wir unsere Kinder und Jugendlichen kontinuierlich frustrieren und ihnen das Gefühl geben, sie seien nicht in Ordnung so wie sie sind? Nur weil sie nicht in ein vorgegebenes Schema passen?

Ich möchte nicht, dass es so weitergeht! Es fühlt sich einfach nicht richtig an.

Richtig fühlt es sich dagegen an, wenn wir unser eigenes, individuelles Tempo in unserem Alltag weitestgehend selbst bestimmen können. Wenn wir Zeit haben zum Lesen, zum Nichts-Tun, zum Reden, ja zum Schlafen, oder ins Theater gehen. Wenn wir Museen langsam und nicht im Eiltempo besuchen. Wenn Kinder spielen und quatschmachen – ja, auch dann finden Lernprozesse statt, die sind sogar ganz wichtig! Es fühlt sich richtig an, wenn Menschen als Menschen gesehen werden. Wir sind keine Maschinen, daher müssen wir auch nicht funktionieren, sondern einfach nur so sein, wie wir sind. Menschen eben – nicht mehr, aber auch nicht weniger!

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