Können Mädchen, die mit Puppen spielen auch Feministinnen werden?

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Hätte ich als Kind schon gewusst, dass ich mich eines Tages als Feministin bezeichnen würde und dass ich Geschlechterklischees für problematisch erachte, wäre ich möglicherweise im Kindergarten nicht dauernd in der Puppenecke gewesen? Vielleicht hätte ich mich dann weniger als Prinzessin verkleidet und weniger Vater-Mutter-Kind gespielt? Im Spiel waren unsere Rollen nach dem klassischen Rollenmuster verteilt: Es gab Väter (die immer auf Geschäftsreise waren, weil sie keiner spielen wollte) und Mütter mit ihren Kindern. Wir Puppenmütter haben im Spiel unsere Kinder versorgt, gingen einkaufen, haben gekocht und gebügelt – wir taten im Grunde all das, womit eine Frau bzw. eine Mutter gesellschaftlich identifiziert wurde und immer noch wird. Wir spiegelten die Norm der gesellschaftlichen Erwartungen wider. Natürlich haben wir uns damals keine Gedanken über andere Möglichkeiten des Familienzusammenlebens gemacht, für uns gehörte es zur „Normalität“, dass es in einer „richtigen“ Familie einen Vater, eine Mutter und Kind(er) gibt – und zwar genau in dieser Reihenfolge. Und dass sich der Vater eher im Außen bewegt und die Mutter für das Innere, sprich für das Wohlergehen der Familienmitglieder, verantwortlich ist.

Mein Ort im Kindergarten war tatsächlich die Puppenecke bzw. der Rollenspielbereich. Dort fühlte ich mich einfach am wohlsten und ich wollte mit Baggern oder Autos nichts zu tun haben. Ich hatte einfach kein Interesse daran beispielsweise eine Burg zu bauen und konnte dieser Art des Spielens nichts abgewinnen. War ich also ein „typisches“ Mädchen? Nein, das würde ich so nicht sehen. Denn mit Basteln und Malen – Tätigkeiten, die wir eher Mädchen zuschreiben – konnte ich ebenso wenig anfangen. Ich erinnere mich daran, dass ich mit fünf Jahren eine Laterne für das Martins-Fest basteln sollte. Ich wurde weder gefragt, ob ich überhaupt an diesem Fest teilnehmen, noch ob ich eine Laterne basteln wollte. Die Antwort wäre „nein“ gewesen. Ich hatte schließlich das Prozedere des St. Martins Fests bereits zwei Mal in den Jahren davor mitgemacht und für mich eigentlich beschlossen, dass dies nun genug sei. Beschließen konnte ich damals viel, am Ende lief ich schließlich mit den anderen Kindern und meiner (mehr oder weniger selbst gebastelten) Laterne durch die Straßen und sang Martins-Lieder. Soviel zur Partizipation von Kindern – aber das ist ein anderes Thema.

Was bedeutet denn typisch Mädchen oder typisch Junge? Ist es wirklich so trivial, dass wir sagen können, Mädchen spielen mit Puppen und Jungs mit Autos? Mädchen verkleiden sich und Jungs toben draußen im Matsch? Wenn wir uns eine x-beliebige Spielwarenabteilung anschauen, dann scheint diese Einteilung tatsächlich so einfach zu sein. Dort erhalten wir die Botschaft, es gibt eine Mädchen-Welt und eine Jungen-Welt und wer ein „echtes“ Mädchen ist, spielt mit bestimmten Produkten und das gleiche gilt auch für Jungs. Okay, ein kleines bisschen Emanzipation soll es schon geben. Zum Beispiel gibt es auch für Mädchen einen Werkzeugkasten – aber dann bitteschön in rosa! Und selbst Jungs dürfen mit Puppen spielen – wie gnädig. Aber, und das ist eine sehr wichtige Botschaft: Eigentlich sind die Welten der Geschlechter getrennt!

Sobald ich mich mit anderen über Geschlechterklischees unterhalte und ich zum Beispiel die Philosophie des Marketings für Spielwarenprodukte problematisiere, entstehen häufig Missverständnisse. So denken einige, dass Mädchen im Umkehrschluss nicht mehr mit Puppen und Jungs nicht mehr mit Autos spielen sollten oder, noch krasser, dürften. Es entsteht der Eindruck, dass die Kritik daran bedeutet, es müsste eine Umkehr stattfinden. Und dann höre ich oft diesen Satz: „Aber das ist dann auch nicht fair, wenn die Jungs so erzogen werden, dass sie sich später für den Haushalt und die Kinder verantwortlich fühlen. Wo ist da die Gleichberechtigung?“

Interessant an dieser Aussage finde ich, dass die Art wie Mädchen sozialisiert werden, erst dann für problematisch erachtet wird, sobald sie (scheinbar) für Jungs gelten soll – doch das nur by the way. Einmal davon abgesehen, wer sagt denn, dass Jungs nun wie Mädchen und Mädchen wie Jungs „erzogen“ werden sollen? Diese Umkehrschlussfolgerung wird jedoch immer wieder als die einzige „logische Konsequenz“ aus der Kritik abgeleitet. Und so fragen sich viele:

Müssen wir jetzt etwa besser darauf achten, dass Mädchen vermehrt mit Autos spielen, sich im Baubereich aufhalten und toben? Und, dass die Jungs mit Puppen spielen, sich verkleiden und rosa für ihre absolute Lieblingsfarbe halten?

Wenn ich mich an meine Kindheit zurück erinnere, dann war für mich der Baubereich eine Tabuzone – und zwar eine selbstgesetzte. Es gab eine Erzieherin, die immer wieder versucht hatte mir das Bauen näherzubringen, aber ich blieb meiner Puppenecke stets treu. Ich habe mich geweigert auch nur annähernd diesen Bereich zu betreten und habe das auch konsequent durchgezogen.

Ja, ich habe mit Puppen gespielt! Ja, ich habe mich als Prinzessin verkleidet! Ja, ich mochte eine Zeitlang auch rosa, Glitzer und all solchen Kram! Und dennoch bin ich heute eine Person, die Geschlechter- und Rollenzuschreibungen kritisch hinterfragt. Heute bin ich eine Person, die patriarchale Strukturen und die binäre Geschlechtereinteilung – in männlich und weiblich – problematisiert, hinterfragt und kritisiert.

Ich bezeichne mich heute selbst als Feministin und das obwohl ich mit Puppen gespielt habe. Und ja, ich habe sogar Bibi Blocksberg gehört – und das obwohl sie immer wieder in einer feministischen Kritik steht. Dennoch bleibt sie bis heute meine Lieblingshexe.

Ja, es ist möglich mit Puppen zu spielen und sich irgendwann im Laufe seines Lebens als Feministin zu bezeichnen – aber es ist auch möglich nicht mit Puppen zu spielen und dennoch eine Feministin zu werden oder mit Puppen zu spielen und später keine Feministin zu sein. Alles ist möglich, denn die Kausalzusammenhänge sind wie immer sehr viel komplexer, als wir häufig denken.

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  1. Stefanie Scherer 2. März 2019

    Liebe Sandra, ich finde deinen Artikel sehr gut geschrieben und musste bei einigien Aussagen sehr schmunzeln. Ich habe mittlerweile zwei Jungs (8 und 6) und eine Tochter (6 Monate). Und ich muss sagen, meine Jungs spielen bunt gemischt. Aaron (8) war im kiga sowohl in der Bauecke als auch in der Puppenecke zu finden. Auch heute noch spielt er in der Schule mit seinen Freunden Mutter, Vater, Kind. Kann sich aber auch Stundenlanh mit Lego bauen und spielen beschäftigen.
    David ist in der Bauecke sehr selten zu finden gewesen, da es ihm kein Spaß macht zu bauen. Er hat oft mit anderen Oder alleine mit Barbys oder Puppen gespielt und ist gerne in Stöckelschuhen durch den Kiga gestolpert. Draußen ist er dagegen der beste kletterer seines Alters.
    Was meine kleine Sophie einmal macht wird spannend und interesant. Meine Jungs helfen übrigens auch schon im Haushalt mit. Spülmaschine ausräumen, Treppe abstauben… usw und es macht ihnen Spaß. Ich finde man sollte die Kinder sich ausprobieren lassen und mit allem experimentieren lassen was sie interessiert.
    Ich hoffe es geht dir gut. Fände es spanbend wenn wir uns mal wieder treffen könnten. Ganz liebe Grüße Steffi

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