Ist Chancengleichheit eine Illusion?

Kind beim Lernen

Ist es nicht so, dass wir in einem Land der Chancengleichheit leben? Dass prinzipiell jeder die Chance auf eine gute Bildung hat? Und dass jeder die Chance darauf hat ein anerkanntes gesellschaftliches Mitglied zu sein? Prinzipiell vielleicht schon, aber die Sache ist nicht ganz so einfach, wie sie auf den ersten Blick erscheinen mag.

Argumente für eine gelebte Chancengleichheit werden viele gefunden, allen voran jene, dass ja in Deutschland ausnahmslos alle Kinder die Schule besuchen (müssen) und es somit einen rechtlichen Anspruch auf Bildung gibt. Bildung als Schlüssel für eine gelungene und erfolgreiche Zukunft. Die Bildung eines Menschen entscheidet wohin die Reise geht. Es ist am Ende der Schulzeit nämlich nicht egal, ob ich einen Hauptschulabschluss oder das Abitur habe. Dieser Bildungsabschluss trägt letztlich dazu bei, ob ich die Chance habe mir meine Arbeit zu wählen, die mir Freude bereitet, die meinen Interessen und Neigungen entspricht und die mir womöglich einen sicheren und festen Arbeitsplatz gewährleistet. Oder ob meine Arbeit eher unsicher und prekär ist, weil ich eben nicht auswählen kann, weil ich bestimmte Jobs annehmen muss, um überleben zu können. Eine wichtige Rolle spielt schließlich in diesem Zusammenhang die gesellschaftliche Anerkennung und Teilhabe.

Wer ist gesellschaftlich integriert und wer nicht?

Gesellschaftlich integriert ist – überspitzt gesagt – derjenige, der es sich auch leisten kann. Man kann auch sagen, dass Armut gesellschaftlich ausgrenzend wirkt. Menschen, die von Armut bedroht sind oder bereits in Armut (z.B. Hartz IV) leben, können es sich schlicht weg nicht leisten im vollen Umfang am gesellschaftlichen, kulturellen oder politischen Leben teilzunehmen.

Aber Moment! Ist es nicht so, dass wir hier in einem Sozialstaat leben und jeder Mensch sozial abgesichert ist, auch zum Beispiel durch Hartz IV? Sollten wir nicht dankbar sein, dass wir ein solches Sozialsystem haben?

Ja, wir leben in einem Sozialstaat und es stimmt auch, dass wir durch das Hartz IV – System „aufgefangen“ werden. Was es jedoch bedeutet Hartz IV zu beziehen, wie es sich anfühlt im Jobcenter einen Antrag stellen zu müssen, das eigene Leben offen auf den Tisch zu legen, um das Existenzminimum (!) zu beziehen, ist den allermeisten nicht bewusst. Wie es sich tatsächlich anfühlt, das wissen nur jene, die es selbst erleben.

Die soziale Lage von Hartz IV

Nun könnte man fragen: Was hat denn Hartz IV mit Bildung und Chancengleichheit zu tun? Schließlich gehen auch Kinder aus sogenannten Hartz IV – Familien in die Schule. Sie werden nicht aufgrund dessen, weil sie und ihre Familien Sozialleistungen empfangen, ausgeschlossen und nehmen somit am ganz alltäglichen Schulleben teil. Das könnte man sagen und in gewisser Weise stimmt es sogar. Aber eben nur in gewisser Weise, denn das ist nur die eine Seite der Medaille.

Auch wenn Kinder und Jugendliche – egal welcher Herkunft – nicht aus dem Bildungssystem ausgeschlossen werden und es eine Schulpflicht für alle gibt, sind Bildungschancen und Bildungsmöglichkeiten ungleich verteilt. Diese hängen, wie unterschiedliche Studien zeigen, von der sozialen Schicht ab. Bereits der französische Soziologe Raymond Boudon wies darauf hin, dass Kinder aus Akademiker- oder Facharbeiterfamilien bessere Bildungschancen haben, als wenn sie in „bildungsfernen“ Familien aufwachsen würden. Gründe sind, dass es in Familien mit mittlerem oder höherem Einkommen wahrscheinlich mehr Bücher, mehr Kommunikation, mehr Kultur usw. gibt, als in Familien, die Existenzsorgen haben. Familien, die am Ende des Monats kaum mehr finanzielle Mittel haben, um sich zu ernähren, können sich keine Gedanken über die nächste Geschichte machen, die sie ihren Kindern vorlesen. Sie können sich auch keine Gedanken darüber machen, welches Instrument ihr Kind lernen könnte. Mal abgesehen davon, dass die Anschaffung eines Instrumentes sowie der Musikunterricht wiederum finanzielle Ressourcen benötigen, die Familien mit Sozialleistungsbezug nicht haben, sind sie einfach auch nicht in der Lage sich eben jene Gedanken zu machen. Wie denn auch? Niemand von uns kann die Welt erkunden, wenn er hungrig ist.

Der soziale Filter in Schulen

Bildung und insbesondere schulische Bildung werden mit Leistung und Fleiß zusammengebracht. Also, wer fleißig ist und wer sich anstrengt, bekommt gute Noten und wird belohnt. Diese sogenannte „meritorikratische Erklärung“ beschreibt lediglich nur die halbe Wahrheit, denn sie missachtet die oben genannten unterschiedlichen Lernvoraussetzungen von Kindern. Wie soll ein Kind sein Potential ausschöpfen können, wenn es nicht die Möglichkeit bekommt? Wie soll ein Kind lesen und schreiben lernen, wenn es in einer Familie aufwächst, die Sorgen um ihre Existenz hat?

Die LAU-Studie macht zum Beispiel deutlich, wie die soziale Schicht den Bildungsweg von Kindern bestimmt. Zum Beispiel wurde nachgewiesen, dass Grundschulempfehlungen an die soziale Schicht geknüpft werden. Mehr noch: Dass bei Kindern aus „bildungsfernen“ Familien einen sehr viel strengeren Leistungsmaßstab angewendet wird, als bei den anderen gleichaltrigen Kindern. Also, sie müssen mehr Leistung, mehr Fleiß bringen, um eine Empfehlung für das Gymnasium zu erhalten, als Kinder aus Akademikerfamilien.

Ist das gerecht?

Es ist nach meiner Auffassung der falsche Weg Kinder, Jugendliche und Familien nach Leistungen zu bewerten. Aber das tun wir und es ist (leider) so bequem. Es ist bequem zu sagen: Dann sollen sie sich halt mehr um ihre Kinder kümmern. Oder: Dann sollen sie in die Bibliothek gehen und sich dort Bücher ausleihen, das kostet nix. Oder: Dann sollen sich die Eltern eben Arbeit suchen, dann brauchen sie kein Hartz IV mehr. Diese Sätze gehen leicht von den Lippen und klingen nach Lösung und so, als sei doch alles gar nicht so schwer. Und gleichzeitig schwingt mit, dass jeder für seine soziale Lage selbstverantwortlich ist. Wir versenden auf diese Weise die Botschaft: Wer Hartz IV bezieht ist selbst daran schuld!

Um es ganz deutlich zu sagen: Die allermeisten Menschen und Familien, die Sozialleistungen beziehen, sind nicht selbstverschuldet in dieser Lage. Die Strukturen des Sozialsystems sind auch nicht integrierend (so wie sie vielleicht sein sollten oder wie wir manchmal denken, dass sie es sind), sondern verursachen und verstärken vielmehr gesellschaftliche sowie soziale Ausgrenzung. Das ist ja das Dilemma: Armut ist zugleich Ursache und Folge von Exklusion.

Kinder und Familien brauchen keinen Leistungsdruck, sie brauchen stattdessen einen achtsamen Umgang mit ihrer ganz individuellen Situation, ganz gleich wie diese auch sein mag. Wir sollten uns Fragen stellen, wie zum Beispiel: Welche Grundlagen bringt ein Kind von zu Hause mit? Welche Ressourcen und Stärken hat es? Oder: Wie kann ein Kind in seiner speziellen Situation unterstützt werden, damit es seine Potentiale entfalten kann? Was braucht es hierzu? Aber auch: Wie können wir die Eltern in das Bildungssystem integrieren? Das sind Fragen, die ehrlich und wertschätzend auf Menschen, auf Familien schauen. Was wir benötigen sind Strukturen, die Integration fördern und die Menschen befähigen ihre Stärken und ihre Talente zu entfalten.

Abschließend möchte ich sagen, dass es natürlich auch immer Ausnahmen und ganz wundervolle Lehrer und Lehrerinnen gibt, die ihr größtmögliches tun, um Kindern und Jugendlichen Chancengleichheit zu ermöglichen. Aber auch sie leiden unter den vorhandenen Strukturen, denn irgendwann ist der Spielraum eines jeden Pädagogen ausgeschöpft.

(Weiterführende) Literatur:

  • Informationen zur politischen Bildung / izpb: Sozialer Wandel in Deutschland. Nr. 324 / 2014.
  • Diehl, Elke (Hrsg.): Teilhabe für alle?! Lebensrealitäten zwischen Diskriminierung und Partizipation. Bundeszentrale für politische Bildung (bpb), 2017.

2 Gedanken zu „Ist Chancengleichheit eine Illusion?“

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