Gastartikel: Können Mütter beste Freundinnen ihrer Kinder werden?

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In der letzten Woche erst bin ich wieder über den Satz gestolpert, der mich schon eine Weile begleitet und den ich für mich in meiner Arbeit mehrfach hinterfragt habe: „Ich möchte meinem Kind eine Freundin sein.“ Ich – das sind meist Mütter, die ich Beratung habe.

Ich selbst bin mittlerweile auch Mutter. Zudem bin ich Sozialpädagogin und habe viele Jahre beratende Tätigkeiten auf dem Amt ausgeübt, mittlerweile begleite ich Familien im Zuge der Familienhilfe überwiegend bei diesen zu Hause. Und hier, in dieser Tätigkeit, stolperte ich erneut über diesen Satz. Nicht genauso im Wortlaut ausgesprochen, aber genau so gemeint. Mütter möchten von ihren Kindern vermehrt als Freundinnen wahrgenommen werden, so scheint mir. Natürlich kann man das nicht pauschalieren, aber Sie wissen ja, wie das ist. Wenn man ein Klischee mehrfach bestätigt bekommt, verallgemeinert man gerne. Das möchte ich nicht, und trotzdem habe ich das Gefühl, dass diese Haltung zugenommen hat.

Welches Bedürfnis steckt hinter dem Wunsch der Mütter eine Freundin zu sein?

Zuletzt habe ich mir beim Wäsche aufhängen darüber Gedanken gemacht, woher meine Ablehnung bei diesem Satz rührt, und ob es nicht sogar gute Gründe für diesen Wunsch von einigen Müttern gibt? Mir wurde das Thema gerade wieder präsent, als eine Mittdreißigerin, die ich berate, mir diesen Freundschaftswunsch signalisierte. Kurz bevor ihre gerade volljährig gewordene Tochter bei meinem Hausbesuch mit allerlei Forderungen an sie herantrat und das Gespräch nach meiner mehrfachen Intervention wutschnaubend und die Mutter beschimpfend verließ.

Was steckt also dahinter, dass Mütter Freundinnen sein wollen? Wohlgemerkt ist mir dieser Satz am häufigsten in Mutter-Tochter-Konstellationen untergekommen. Impliziert das, dass die Mütter nur zu ihren weiblichen Nachkommen eine freundschaftliche Beziehung pflegen wollen? Ich habe versucht, mir dies wie folgt zu erklären:

Die Rollenidentifikation von Mädchen findet in der Kindheit und frühen Adoleszenz mit der Mutter bzw. einer weiblichen Bezugsperson statt. Natürlich spielen auch männliche Bezugspersonen bzw. Väter eine Rolle, aber eben eine Andere. So ist es auch umgekehrt. In der Pubertät läuft die Identifikation auf Hochtouren – es wird sich abgegrenzt, verweigert, bestehende Muster und Regeln werden von den Kindern geprüft und infrage gestellt. Zum Leid der Eltern.

Der vermehrte Wunsch von Müttern nach einer freundschaftlichen Beziehung vor allem in dieser Phase, rührt meines Erachtens nach vom tiefen Bedürfnis, dem Kind ein positives Bild zu vermitteln: „Schau her, ich bin doch nicht so schlecht als Mutter, wir können viel Spaß zusammen haben, Du kannst mir alles erzählen“, scheint ein typisches Beziehungsangebot zu sein. Und darum geht es letztendlich aus meiner Sicht: Beziehung schaffen.

Das Rollenbild der Mütter hat sich verändert                                                                         

Beim Wäsche aufhängen- ich glaube, ich war gerade bei den Strumpfhosen meiner fast 2jährigen Tochter angelangt- hielt ich inne und dachte bei mir, dass ich den Wunsch unter dem Aspekt besser verstehen kann. Gerade Frauen, die sich jahrelang vorzugsweise unfreiwillig im klassischen Rollenbild der Familie bewegten, denen über die Jahrzehnte neue Aspekte von Frauenbildern und mehr Verantwortung und Mitsprache in vielen Bereichen dank unterschiedlichster Bewegungen und Bestrebungen zugesprochen wurden, wünschen sich durch dieses Beziehungsangebot an ihre Kinder weitergehend, eine andere Rolle einzunehmen. Als unabhängige, „coole“ Mütter, die ganz selbstverständlich nicht nur für Haushalt und Erziehung zuständig sind, sondern eben genau das tun: Beziehung schaffen, Beziehungsangebote machen und sich selbst als neue Müttergeneration definieren, die eine ganz andere Bindung zu ihren Kindern aufweisen kann, als es wahrscheinlich die eignen Mütter, vor allem aber die eigenen Großmütter je konnten.

Freundin sein zu wollen heißt für mich also unter diesem Aspekt in erster Linie, eine Vertrauensperson zu sein. Jemand, mit dem das Kind „durch dick und dünn“ gehen kann. Mit dem es alles erleben kann und darf. Mit dem man Themen besprechen kann, die bis heute in unseren Köpfen mit so viel Scham und Vorurteilen besetzt sind, wie zum Beispiel Sexualität.

Als ich die letzte Hose aufgehängt hatte, empfand ich den Satz als „entzaubert“, um es mal so zu benennen. Zumindest hatte er an negativer Wirkung bei mir erst einmal verloren. Beim Gespräch mit einem Arbeitskollegen kurze Zeit später kam es aber wieder in mir auf, das negative Gefühl. Mütter als Freundinnen ihrer Kinder, gerade bei ihren Töchtern. Ist das wirklich so gut?

Selbstreflektion der eigenen Kindheitsgeschichte

So habe ich weiter in meinen Tiefen geforscht, was mich denn daran stört, und bin dabei in Selbstreflektion verfallen. Ein wunderbares Beispiel, dass eine Mutter absolut nicht als Freundin gesehen werden möchte, war immer meine eigene Mutter. Ein Sinnbild an Autorität, zumindest in meinen frühen Erinnerungen. Und damit meine ich nicht, dass meine Mutter uns körperlich gezüchtigt hätte oder Ähnliches. Nein. Sie gehört schon zu einer Generation, in der eine andere Art der Erziehung stattfinden konnte. Laissez-faire und antiautoritär waren sicherlich eindrückliche Begriffe in ihrer frühen Adoleszenz. Die eigene Erziehung wurde ganz legitim kritisch hinterfragt.

Nein, meine Mutter schaffte es einfach durch ihr Auftreten und ihre klaren Grenzen, dass man sie respektierte. Meine Freundinnen hatten glaube ich überwiegend eher Angst vor ihr. Sie gehörte eben nicht zu den „coolen“ Müttern, die es schon damals gab, mit der ganz offen über Sex mit dem Freund gesprochen werden konnte oder die einem ganz natürlich erlaubte, mit 15 Jahren beim Stadtfest bis 1 Uhr morgens zu sein.

Wie ich mich hier abgrenzte und wie wir uns als Familie, vor allem aber als Mutter-Tochter-Gespann, durch mein Erwachsen werden durch gehangelt haben, soll hier nicht Thema sein. Wichtig für mich ist, dass es meine Mutter bis heute geschafft hat, mir das Gefühl zu geben, dass mit ihr alles irgendwie besprochen werden kann. Weil das Finden einer Lösung für sie an erster Stelle stand. Weil es für sie darum ging, Kompromisse zu schließen. Sicher war sie hiermit auch so erfolgreich, weil sie dies gemeinsam mit meinem Vater als einen klaren Kern der Erziehung definiert hatte.

Wie wird Freundschaft zwischen Müttern und ihren Kindern definiert?

Funktioniert es also nicht, das „Freundin-sein-wollen“ als Mutter? Jein, wäre meine Antwort. Wenn es den Müttern, die mir dies in der Beratung benennen, darum geht, eine gute Beziehung zu ihren Kindern, vorwiegend den Töchtern, haben zu wollen, eine Vertrauensperson zu sein und als solche immer wieder Beziehungsangebote zu stellen, dann stimme ich dem vollkommen zu, ja finde es sogar unabdingbar für eine gute Bindung.

Wenn es darum geht, und das erlebe ich leider häufiger, dass in der Umsetzung keine Grenzen mehr benannt werden dürfen, aus Angst vor Vertrauensbruch oder Kontaktverlust zueinander, dann finde ich es schwierig. Wenn keine Unterschiede mehr in den Ebenen gemacht werden, das heißt wenn Kinder und Eltern auf der gleichen Stufe stehen und dies so weit geht, dass die Rollen sich vermischen oder gar umkehren, dann hat für mich der Wunsch weniger Erfolgsaussichten.

Ich habe mir den Satz mal ganz bewusst vorgenommen und mich gefragt, ob ich eine Mutter gewollt hätte, die mir lieber eine Freundin gewesen wäre. Nein. Denn eine Freundin impliziert für mich gerade das, was mich in meiner Beziehung zur Mutter doch abgrenzt. Eine Freundin ist natürlich auch eine Vertrauensperson, aber sie steht mit mir in einer anderen Beziehung. In einer Freundschaft muss es auch Grenzen und Regeln geben, die anders definiert sein sollen als jene, die in der Familie und in der Beziehung zu einem Elternteil bestehen.

Ich möchte eine Freundin, um gerade das, was ich nicht innerhalb meiner Familie oder mit einem Elternteil besprechen möchte, diskutieren zu können. Eine Freundin soll mir andere Gedanken- und Erlebniswelten eröffnen dürfen. Mit einer Freundin möchte ich Sachen besprechen können, die mir trotz aller Offenheit im Elternhaus doch zu tabuisiert sind. Zum Beispiel das erste Mal mit einem Jungen oder der erste Rausch. Und ich möchte vor allem eines: Mich von meiner Mutter abgrenzen dürfen. Und das geht aus meiner Sicht nur, wenn ich kein freundschaftliches Verhältnis zu ihr pflege. Sie soll doch die Person sein, bei der ich ab einem bestimmten Alter eben doch Sachen peinlich finden werde, bei der ich Sachen und Charakterzüge entdecke, die ich nie, niemals im Leben selbst haben möchte (um Jahre später in der Reflektion mir einzugestehen, dass dieser Schritt vielleicht doch nicht vollumfänglich geglückt ist) und vor der ich eben auch Geheimnisse habe. Jene Person, an der ich mich am meisten reibe, um eine gelingende Persönlichkeitsentwicklung durchmachen zu können. Und eine Mutter muss aus meiner Sicht solch eine „Reibungsperson“ sein.

Sicherlich, auch zu einer Freundschaft gehören Geheimnisse und Grenzen. Diese sind aus meiner Sicht aber anders definiert und anders gesteckt bzw. betreffen andere Bereiche als jene in einer Mutter-Kind-Beziehung.

Einfach Mama sein

Und noch eins: ich habe mich immer gefragt, ob Mütter, die diesen Wunsch haben, dann auch in allen Lebenslagen von ihren Kindern so behandelt werden wollen, als wären sie Freunde. Dürfen Freunde denn verlangen, dass das Zimmer aufgeräumt wird? Zahlen Freunde einem Taschengeld? Und vor allem: wie spricht man sich denn dann gegenseitig an? „Mama“ passt ja dann irgendwie nicht ganz, wie ich finde.

Ich habe meine Tochter später vom Mittagschlaf geweckt. Ich habe sie angesehen und bei mir gedacht: „Nein, ich möchte nicht deine Freundin sein. Ich möchte später peinlich sein dürfen. Ich möchte, dass du mich mal als die allerblödeste und uncoolste Person auf der ganzen Welt empfindest, von der du nichts, aber auch absolut nichts übernehmen willst. Ich möchte, dass du außerhalb Freund*innen hast, mit denen du dann über eure Mütter sprichst. Ich möchte dir natürlich in allen Lebenslagen als Ansprechpartnerin zur Verfügung stehen und schauen, wie du dich dann jeweils entscheidest und was du mit mir teilen willst. Dann werde ich so ehrlich und so motiviert wie möglich mit dir deine Themen angehen. Aber ich möchte vor allem eins sein: Einfach deine Mama.“

Über die Autorin:

Laura Zeiser, geb. 1988, studierte Sozialpädagogik mit dem Schwerpunkt Jugend-, Familien- und Sozialhilfe an der Dualen Hochschule Villingen-Schwenningen. Nach mehreren Jahren Tätigkeit in der Jugendhilfe und ihrer Weiterbildung zur Systemischen Beraterin unterstützt sie mittlerweile als Familienhelferin aufsuchend Familien in Fragen der Erziehung und berät in konkreten Anliegen im Rahmen der aufsuchenden Familientherapie. Laura Zeiser ist verheiratet und erwartet ihr zweites Kind.

Photo by Patricia Prudente: Unsplash

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