Eine bindungsorientierte Sichtweise auf Hass und Diskriminierung

Es scheint, als würde der Ton rauer werden. Die Ellbogen einer großen Mehrheit sind deutlich spürbar, denn das eigene ICH scheint in Gefahr zu sein. Nicht nur das Ich, sondern auch die eigenen Privilegien und Annehmlichkeiten scheinen gefährdet zu sein. So jedenfalls könnte man denken, wenn man hört, liest oder beobachtet, wie Menschen aufgrund ihrer Herkunft oder anderen (äußeren) Merkmalen diskriminiert und systematisch ausgeschlossen werden. Ich habe mich gefragt, wie die Bindungstheorie dazu beitragen kann, ein respektvolles, demokratisches und friedvolles Miteinander zu leben?

Insbesondere die Migrationsdebatte ist in den letzten Jahren wieder aufgeflammt und hat zu heftigen Auseinandersetzungen geführt. Einerseits waren da eine Willkommenskultur und viele helfende Hände, um Menschen auf der Flucht zu unterstützen und gesellschaftlich zu integrieren. Auf der anderen Seite gab es eine große Gruppe von Personen, die all ihren Hass und ihre Selbstablehnung auf geflüchtete und schwache Menschen projiziert haben. Bis heute scheint es eine gespaltene Sichtweise in Bezug auf das Thema Flucht und Migration zu geben – konstruktive Debatten sind rar. Leider gibt es auch vermehrt rechtsextreme Strömungen, die Menschen aufgrund eines oder mehrerer bestimmter Merkmale ablehnen. Sie lehnen nicht nur ab, sondern sie greifen andere auch an und fühlen sich selbst als Opfer dieser Gesellschaft.

Ursachensuche statt Symptombekämpfung

Rechtsextremismus, Antisemitismus oder Fremdenhass – all das sind Themen, mit denen wir uns als Gesellschaft auseinandersetzen müssen. Und vor allem müssen wir uns fragen, wie dieser Hass entsteht? Wir dürfen keine Symptombekämpfung betreiben, sondern müssen den Ursachen auf den Grund gehen. Hass gegenüber Menschen, Kulturen oder Religionen entsteht nicht einfach so – dahinter stehen Individuen mit ihren Geschichten und vor allem die wiederkehrende Selbsterfahrung von Feindseligkeit und Ablehnung. Nur, diese Seite wollen wir nicht sehen und blenden sie allzu gerne aus.

Ich glaube wir können den Rassismus nur dann überwinden, wenn wir ihm zunächst begegnen. Wenn wir verstehen, was dahinter steckt und steht. Was wir aktuell tun ist der Versuch ihn zu bekämpfen. Auch wenn die Absicht und die Motivation eine Gute ist – denn ich glaube ebenfalls, dass die Demokratie in Gefahr ist – ist dieser Weg fatal.

Was mich die Bindungstheorie gelehrt hat

Von der Bindungstheorie habe ich etwas ganz wesentliches mitgenommen: Nur wer geliebt wird, ist in der Lage zu lieben. Wir müssen zunächst selbst die Erfahrung machen, dass wir liebenswert sind, dass wir in Ordnung sind, dass wir gut sind, so wie wir sind. Diese Erfahrung benötigen wir immer wieder und das Entscheidende ist, dass wir sie nur durch Andere machen und verinnerlichen können.

Die Bindungstheorie hat eine weitere Erkenntnis in mir hervorgebracht: Es gibt nicht nur schwarz und weiß, es gibt nicht nur Täter und Opfer, da gibt es noch mehr Farben, noch mehr Facetten, die es zu bedenken gilt. Der Rassist von morgen ist heute noch das ungeliebte Kind, das eigentlich nur nach Zuwendung und Anerkennung strebt. Die gewalttätige Mutter von morgen, ist heute ein Kind, das niemals in den Arm genommen wird. Der Rechtsextreme von morgen, ist heute ein ängstliches Kind, das keinen Schutz durch seine Bezugspersonen erfährt.

Nein, das ist keine Entschuldigung für feindliches oder kriminelles Verhalten!

Es ist der Versuch einer Vorgehensweise wie wir einem sozialen Phänomen begegnen. Ich erachte Rassismus und jegliche Art von Fremdenfeindlichkeit für höchst problematisch – aber ich empfinde es gleichzeitig als wenig hilfreich, wenn wir nur den Rassisten sehen und nicht den Menschen dahinter. Denn diese einseitige Sichtweise schränkt unser Handeln massiv ein und führt letztlich in eine Sackgasse.

Was passiert denn, wenn wir nur das Feindselige und nicht den Menschen in seiner Gesamtheit sehen? Wir fangen ebenfalls an feindlich zu werden. – und fühlen uns dabei im Recht. Denn wir glauben, dass wir für das Gute stehen und der Andere für das Böse. Aber ist es wirklich so einfach? Gibt es in der Realität tatsächlich diese Trennschärfe von Gut und Böse, von Richtig und Falsch? Und vor allem ist da noch die Frage: Was ist das Ziel? Wollen wir Rassismus als ein soziales Phänomen bekämpfen oder wollen wir Menschen bekämpfen? Ich denke das Erste ist das Ziel, aber was wir tun ist das Zweite.

Bindungstheorie gesamtgesellschaftlich betrachtet

Aus einer bindungsorientierten Sichtweise ist daher ein Umdenken zu fordern. Wenn wir ernsthaft daran interessiert sind unsere Demokratie und die Würde aller Menschen zu wahren und zu schützen, dann brauchen wir Bedingungen, die Diskriminierung erst gar nicht entstehen lassen.

Wir brauchen keine Zeigefingergesellschaft, in der es immer nur darum geht, wer im Recht oder im Unrecht ist. Was wir brauchen ist ein soziales, friedvolles Miteinander. Wir brauchen ein Miteinander, das durch Verständnis und Respekt gekennzeichnet ist. Wir brauchen ein Miteinander, das die demokratischen Werte vermittelt und aufrechterhält. Wir brauchen ein diskussionsfreundliches Miteinander – was nicht bedeutet, dass wir immer alle einer Meinung sind. Wir brauchen ein Miteinander der Verschiedenheiten und ein Miteinander, das diese Verschiedenheiten nicht ständig zum Thema macht.

Die Bindungstheorie beschreibt sehr gut, wie wir all das fördern und entstehen lassen. Nämlich, in dem wir Kindern die Botschaft vermitteln: Du bist ein toller Mensch und du wirst bedingungslos geliebt. Diese Botschaft muss an alle Menschen dieser Welt hinausgetragen werden. Diese Botschaft stärkt uns alle und zwar auf eine Weise, in der wir es nicht nötig haben Schwäche auszunutzen.

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