Ein Plädoyer für die nicht perfekte Beziehung

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Im Freundes- und Bekanntenkreis, in der Nachbarschaft sowie auf Social Media Plattformen, überall sind sie vertreten: Die scheinbar perfekten Beziehungen. Harmonische und verliebte Paare strahlen dir auf Facebook und Instagram entgegen und wollen der ganzen Welt sagen, dass ihre Partnerschaft genauso echt und harmonisch wie das bearbeitete Urlaubsfoto ist. Konflikte und Auseinandersetzungen? Streit und Tränen? Das scheint es in diesen Beziehungen nicht zu geben.

Ich scrolle durch meinen Social Media Account und finde verliebte Paare voller Harmonie und Seligkeit. Hochzeit und Baby sollen das Glück schließlich perfekt machen. Mir werden Bilder vor die Nase gesetzt, die allseits fröhliche Menschen zeigen – egal in welcher Lebenssituation sie sich befinden. Freunde posten einander wie lieb sie sich haben und was sie alles füreinander tun würden. 

Diese Menschen zeigen öffentlich und mit jedem ihrer Bilder und jedem ihrer Posts, dass sie zu allen Zeitpunkten am Tag ausgeschlafen, ausgeglichen und glücklich sind. Wow, denke ich, wie machen die das bloß? 

Natürlich weiß ich, dass Bilder lediglich Momentaufnahmen sind und dass es keinen Menschen gibt, der 24 Stunden an sieben Tage in der Woche glücklich und zufrieden mit sich und seinem Leben ist. Obwohl ich das weiß, sprechen solche Bilder eine andere Sprache und suggerieren mir, dass mit mir, meiner Paarbeziehung, meinen Freundschaften und meinem Leben etwas nicht stimmt. Ich bekomme dieses seltsame Gefühl nicht mithalten zu können. 

Das Ich wird zum Wir

Nicht nur auf den Social Media Plattformen, auch im realen Leben begegne ich Menschen, die mir zu verstehen geben, dass sie fast ausschließlich harmonische und glückliche Beziehungen führen. Paare, die seit Jahren zusammen sind, zeigen sich in der Öffentlichkeit verliebt wie am ersten Tag. Sie halten Händchen und werfen sich Blicke zum Hinschmelzen zu. 

Es gibt sogar Paare, die sich irgendwann so aufeinander einspielen, dass sie zu einer Einheit zusammenschmelzen. Das Ich wird zum Wir und das Individuum schwindet allmählich.

Unsere schöne, heile Welt

Natürlich ist es schön, wenn Paare ihre Liebe öffentlich zeigen und diese mit ihren Freunden sowie anderen Menschen teilen. Ich freue mich für jeden Menschen, der sein*ihr persönliches Glück gefunden hat. Es ist schön, wenn Paare heiraten und / oder eine Familie gründen und ich fühle mich jedes Mal geehrt, wenn ich eingeladen werde, um an solchen Momenten teilzunehmen. 

Aber es gibt eben niemals nur diese eine harmonische Seite in Beziehungen. Es gibt nicht nur diese schöne, heile Welt. Zwischenmenschliche Beziehungen jeglicher Arten brauchen Reibungen, um lebendig zu bleiben. Menschen, die sich lieben, lieben sich nicht den ganzen Tag. Menschen in Beziehungen streiten sich, werfen sich verbal (oder manchmal auch nonverbal) fiese Dinge an den Kopf und verletzen sich selbst und den Anderen damit. Nur, diese Seite wird sowohl in den Social Media Plattformen als auch im realen Leben kaum thematisiert. Diese Seite wird unter den Teppich gekehrt, sie wird tabuisiert und sogar geleugnet. 

Streit und Konflikte gehören dazu – und das ist okay!

Doch weshalb braucht es überhaupt einen offeneren Umgang mit Streit und Auseinandersetzungen? Ist das nicht zu privat, zu intim und zu persönlich? Machen wir uns nicht angreifbar, wenn wir diese Seite offenlegen?

Wir leben in einer Gesellschaft, in der es darum geht besser, schneller, schöner, reicher als andere Menschen zu sein. Auch zwischenmenschliche Beziehungen unterliegen diesem gesellschaftlichen Druck. Wir vergleichen beispielsweise die eigene Paarbeziehung mit anderen Paarbeziehungen und wollen natürlich mithalten können. Wir wollen nicht, dass unser Umfeld Streitigkeiten, Erschöpfungszustände oder Meinungsverschiedenheiten mitbekommt. Wir wollen in der Öffentlichkeit unsere Schokoladenseite präsentieren, weil wir Angst vor den kritischen Blicken der Anderen haben. Weil wir ansonsten glauben, versagt zu haben oder nicht richtig zu sein. Wir haben Sorge, dass über uns und unsere Beziehung negativ gesprochen wird. Und genau an diesem Punkt sind wir verletzlich und verwundbar. 

Paarbeziehungen, Freundschaftsbeziehungen und andere Beziehungen sind aber nicht immer Friede, Freude, Eierkuchen. Es gibt Hochs und Tiefs, es gibt Lachen und Weinen, es gibt Freude und Verletzungen. Beide Seiten dieser Medaille gehören zum Bild einer Beziehung dazu und beide Seiten dürfen gelebt sowie gezeigt werden. 

Kehren wir die eine Seite – nämlich die vermeintlich negative Seite – unter den Teppich oder unterdrücken diese gar, bleiben Gefühle unausgesprochen und somit unverarbeitet. Unterdrückte Emotionen bleiben jedoch in uns und sie machen etwas mit uns. Wir suchen andere Ventile, um jene Gefühle abzulassen, doch meist sind das dann destruktive, also zerstörerische, Ausdrucksweisen. Zum Beispiel entstehen Neid- und Eifersuchtsgefühle und wir beginnen schließlich selbst schlecht über andere zu sprechen. Einerseits erniedrigen wir uns selbst, indem wir uns einreden nicht gut genug zu sein. Andererseits achten wir penibel darauf was bei unseren Mitmenschen (vor allem jenen, die uns nahe stehen) nicht gut läuft, um uns selbst zu erhöhen. Wir tun im Grunde das, wovor wir selbst Angst haben. 

Es wird Zeit!

Es wird Zeit für einen anderen, konstruktiveren Umgang mit bestimmten Gefühlen und Lebenssituationen. Es wird Zeit, dass wir uns auch dann gegenseitig respektieren, wenn wir nicht einer Meinung sind. Es wird Zeit, dass wir nicht über, sondern miteinander reden. Und es wird Zeit, dass wir auch Gefühle wie Wut und Aggressionen zulassen können, ohne uns dabei schlecht zu fühlen. 

„Beziehungen sind nicht in erster Linie da, um glücklich zu werden, sondern um sich zu entwickeln“ – diesen Satz habe ich einmal auf einem Vortrag gehört und er hat sich in mein Gedächtnis eingebrannt. 

Wir können durch und mit unseren Beziehungen (egal welcher Art) wachsen und uns weiterentwickeln. Interessanterweise sind es meist jene Menschen, die unserer Entwicklung voranbringen, die eine andere Sichtweise und Perspektive haben als wir selbst.

Hinweis: Dieser Beitrag ist zuerst bei EDITION F erschienen

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