Coronaweihnachten

Es ist kurz vor Weihnachten und wir befinden uns mitten im Lockdown. Wer hätte sich dies vor einem Jahr träumen lassen? Irgendwie hatte ich mir das Jahr 2020 auch anders vorgestellt. Und nun stehen die Weihnachtstage und Silvester kurz bevor und wir alle fragen uns, was ist erlaubt und was nicht? Dürfen wir jetzt noch die Tante aus Hamburg und den Onkel aus Bayern sehen? Und warum zählen Kinder unter 14 nicht? Überhaupt ist doch Weihnachten das Fest der Liebe. Das Fest der Familie. Das Fest der Kinder. Das Fest der Geschenke. Das Fest des Beisammenseins. An Weihnachten wollen wir mal nicht über das Virus nachdenken. An Weihnachten wollen wir einfach ein Stück Normalität erleben und im wahrsten Sinne des Wortes näher zusammenrücken.

Nach fast einem Jahr Pandemie scheint nun wirklich die Puste auszugehen und wir würden Corona gerne den Mittelfinger zeigen. Klar, das könnten wir natürlich tun. Wir könnten ausgelassen feiern und uns in die Arme nehmen, so als ob es dieses Virus gar nicht geben würde. Doch Corona wird darauf reagieren, nicht sofort, aber spätestens im Januar würden wir knallhart in die Realität zurückkapituliert werden. Corona reagiert zwar mit Verzögerung, dafür mit einer enormen Wucht.

Weihnachten, das Fest der Liebe? Das Fest der Nächstenliebe? Wirklich? Oder geht es da am Ende nicht darum die eigenen hedonistischen Bedürfnisse zu stillen? Geht es an Weihnachten nicht eigentlich darum dem kapitalistischem Markt eine Freude zu bereiten oder um die Rettung des Konsums? In der Kirche oder beim Tischgebet mag man noch an die Armen und Schwachen unserer Gesellschaft denken und für sie beten, spätestens beim Fressen des Bratens ist es vorbei mit der Nächstenliebe. Na gut, irgendwann muss dann auch mal Schluss sein. Wir bekommen schließlich nicht umsonst (ganz im Gegenteil: für sehr viel Geld) von allen möglichen Coaching-Gurus gesagt, wie wichtig es doch ist, an sich und die eigenen Bedürfnisse zu denken.

Weihnachten 2020 ist anders. Ich verstehe, dass es schwer ist all jene nicht zu sehen, die uns am Herzen liegen. Dass es hart ist, ein Silvester ohne das Übliche Tam-Tam zu feiern. Ja, ich kann es auch nachvollziehen, dass die Puste ausgeht und wir uns einfach nur nach unserem ganz normalen Alltag sehnen. Und trotzdem frage ich mich in diesem Zusammenhang, was das über unsere Gesellschaft aussagt? Jedes Jahr sind Menschen alleine, nicht nur an Weihnachten. Jedes Jahr leiden Kinder unter schlimmsten Bedingungen, nicht nur an Weihnachten. Wo bleibt da der Aufschrei?

Es reicht eben nicht aus am Abend auf den Balkonen zu stehen und den Pflegekräften einen Applaus zu spenden. Das Klatschen verpufft im Corona-Alltag. Was diese Leute brauchen ist echte Anerkennung und ja, dazu gehört nun einmal, dass sie besser (und angemessen) entlohnt werden. Und diese Menschen müssen aktuell verdammt nochmal entlastet werden. Wir dürfen nicht weiter riskieren, dass das Personal in den Kliniken, Pflegeheimen, Rettungsdiensten und all den anderen medizinischen oder pflegerischen Berufen, an den Rand der Kapazitäten kommt. Was ja bereits schon geschieht, und das nicht nur in Sachsen und anderen Gebieten mit sehr hohen Fallzahlen.

In diesem Jahr habe ich deutlich die Grenzen meiner Toleranz an Verständnis gespürt. So habe ich kein Verständnis, wenn Menschen mit Nazis und Rechtsextremen demonstrieren. Ich habe kein Verständnis wenn Menschen bewusst falsche Informationen streuen und mit den Ängsten der Leute spielen. Und ich habe kein Verständnis für jene, die meinen sich nicht an die Kontaktbeschränkungen oder an die Hygienemaßnahmen zu halten. Und damit möchte ich nicht sagen, dass ich alles perfekt machen würde. Es geht nicht um eine allzeit perfekte und korrekte Umsetzung oder darum, dass wir mit Argusaugen auf die anderen schauen und mit dem Finger auf sie zeigen, wenn sie einen vermeintlichen Fehler machen. Es geht vielmehr um ein Bewusstsein darüber, dass es nicht mehr nur um mich, um meine Interessen oder meine Gesundheit geht, sondern auch – und im Besonderen –  um die meiner Mitmenschen. Es geht um Solidarität! Nicht nur im Gesagten, sondern in der gelebten, echten Version. Und Solidarität bedeutet in diesem Fall, dass die einen mehr geben können (und sollten), während andere weniger geben können, weil sie eben auf die Gemeinschaft angewiesen sind.

Während zu Anfang bei der ersten Welle eine große Solidarität zu spüren war, hatte sich diese relativ bald wieder gelegt. Nach dem Motto: Irgendwann ist auch mal gut mit den Einschränkungen aller Art. Natürlich ist es legitim Kritik an den Maßnahmen zu äußern und selbstverständlich ist nicht jede*r, der*die das macht ein*e Verschwörungstheoretiker*in oder Nazi. Aber ich habe gerade wirklich keine Lust eine Diskussion darüber zu führen, ob wir Weihnachten nicht einfach eine Ausnahme machen könnten. So als ob dies eine Debatte wäre, in der wir auf der einen Seite Argumente dafür sammeln, auf der anderen Seite Argumente dagegen aufstellen und am Ende dann einen Kompromiss aushandeln. Nein, hier geht es nicht um eine Pro-Contra-Debatte. Warum? Weil das Virus nicht diskutiert und nicht bereit ist mit uns Kompromisse zu schließen. Das Virus handelt nicht nach unseren demokratischen Vorstellungen und es macht auch keine Ausnahmen. Nicht einmal an Weihnachten.

Was ist denn bitte so schwierig daran mit wenigen Menschen Weihnachten sowie Silvester zu verbringen? Was ist so schwierig daran eine Maske zu tragen und Abstand zu halten, wenn ich doch weiß, dass das gute und hilfreiche Maßnahmen sind, um andere (und letztlich auch mich) zu schützen? Nein, ich kann es wirklich nicht nachvollziehen und mein Verständnis hat Grenzen, wenn Leute bewusst sagen, sie halten sich – vor allem an Weihnachten und Silvester – nicht an die Regeln, weil sie sich selbst nicht einschränken wollen. Ich finde ein solches egozentrisches Verhalten höchst illoyal gegenüber all jenen Menschen, die in prekären Arbeitsverhältnissen stehen. Menschen, die kein Home-Office machen können, weil es ihre Tätigkeit nicht erlaubt. Menschen, die einer Arbeit nachgehen, bei der bestimmte Hygienemaßnahmen (wie z.B. Abstand halten) einfach nicht umsetzbar sind. Leiharbeiter*innen, die praktisch unsichtbar sind, weil sie in den Unternehmen auf dem Papier nicht vorkommen, aber, wie im Falle der Schlachthofarbeiter*innen, unter unterirdischen Hygienebedingungen arbeiten müssen und nicht die Möglichkeit haben sich ausreichend zu schützen. Oder gegenüber Familien und Alleinerziehenden, die in engsten Wohnverhältnissen leben müssen und bereits vor der Pandemie mit Multiproblemen belastet waren. Gegenüber Frauen und Müttern, die noch mehr auffangen müssen, als bereits schon zuvor. Und eben nicht zuletzt gegenüber all denen Menschen in systemrelevanten Bereichen, die sich täglich einem Risiko aussetzen und die teilweise – trotz Erkrankung – weiterarbeiten (müssen).

Weihnachten 2020 ist anders. Für alle. Ganz besonders für all diejenigen, die diese Zeit alleine im Krankenhaus – ohne ihre Angehörigen (!) – verbringen müssen. Für diejenigen, die Menschen verlieren und nicht einmal die Möglichkeit haben sich von ihnen zu verabschieden. Oder jenen, die eine Extra-Schicht einlegen müssen, weil Personalmangel herrscht. Ja, Weihnachten ist anders. Und während die einen im engsten Kreise feiern, lernen die anderen vielleicht – und das wäre meine Hoffnung – ein wenig Demut.

Danke, dass du dir Zeit genommen hast diesen Text zu lesen.

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