4 hartnäckige Mythen über Erziehung und wie wir diese entlarven

Auf dem Markt gibt es unendlich viele Erziehungstipps von Experten (oder von solchen, die sich dafür halten), es gibt ferner etliche Erziehungsratgeber oder auch unzählige Erziehungskurse. Es werden die besten wissenschaftlich getesteten Methoden erläutert, wie Kinder richtig erzogen werden und weshalb eine gute Erziehung so wichtig ist. Erziehung sei das A und O für eine gesunde Entwicklung. Kinder benötigen feste Strukturen, ansonsten machen sie was sie wollen und tanzen uns Erwachsenen auf der Nase herum. Wenn ich solche Sätze höre, dann schüttelt es mich und ich atme tief ein und aus. Schließlich denke ich an die Pinguine des Filmes Madagaskar und sage mir: Einfach nur lächeln und winken.

Aber nun mag ich nicht mehr einfach nur lächeln und winken, sondern ein Statement zum Thema Erziehen / Erziehung abgeben und darstellen wie überholt viele der vermeintlichen „Erziehungstipps“ sind. Im Folgenden möchte ich vier von mir ausgewählte Erziehungsmythen auf den Grund gehen, sie kritisch hinterfragen sowie wissenschaftliche Erkenntnisse heranziehen, um sie zu entlarven.

Mythos 1: Kinder müssen erzogen werden, um sie gesellschaftsfähig zu machen!

Das ist ein Totschlagargument und setzt Eltern, aber auch Pädagogen, unter Druck. Wir wollen schließlich alle, dass unsere Kinder sich gut in die Gesellschaft integrieren. Also – denken wir – brauchen wir eine gute Kinderstube. Was sollen denn bitteschön die Nachbarn denken? Und so stellen wir Erziehung an sich überhaupt nicht in Frage, sondern sehen vielmehr darin eine Tatsache, ein Muss, etwas das der Mensch benötigt, um ein „richtiger“ Mensch zu werden. Das wusste schließlich schon Immanuel Kant, denn er sagte: „Der Mensch kann nur Mensch werden durch Erziehung. Er ist nichts, als was Erziehung aus ihm macht.“

Ist es denn wirklich so, dass es die Erziehung ist, was den Menschen zu einem „richtigen“ Menschen macht? Hierfür müssen wir zunächst klären, was denn Erziehung konkret bedeutet. Wenn wir von Erziehung sprechen, hat womöglich jeder und jede eine eigene Vorstellung, eine eigene Idee davon, wie er oder sie Erziehung definiert. Für den einen mag Erziehung zum Beispiel bedeuten, dass Erwachsene wissen, was für Kinder gut ist und sie somit die Regeln und Strukturen rigide festlegen. Für eine andere Person ist Erziehung eine Beziehung auf Augenhöhe, mit einem großen Raum an Mitspracherecht für das Kind. Man denke auch an die unterschiedlichen Erziehungsstile, wie etwa autoritär, demokratisch oder laissez faire. Also, die Erziehung gibt es so nicht, vielmehr gibt es da viele verschiedene Ideen und Ansätze was denn Erziehung bedeuten kann, wie sie definiert oder ausgelegt wird. In der Erziehungswissenschaft wird der Erziehungsbegriff übrigens sehr kontrovers diskutiert und es gibt keine einheitliche Definition davon. Wir können an dieser Stelle festhalten, dass es mit dem Begriff Erziehung an sich schon gar nicht so einfach ist – und doch tun wir im Alltag oft so, als sei für alle sonnenklar, was mit Erziehung gemeint ist. Dem ist eindeutig nicht so!

Eine andere Frage ist die nach der Gesellschaftsfähigkeit. Was bedeutet das? Uns würden wahrscheinlich viele verschiedene Ideen und Merkmale zu diesem Begriff einfallen. Gesellschaftsfähigkeit ist für mich ebenfalls ein Begriff, der häufig benutzt, aber wenig definiert wird. Wir gehen stattdessen davon aus, dass dies ein feststehender Begriff sei. Für mich würden sich vielmehr andere Fragen stellen, wie etwa: Sind Kinder nicht von Anfang an bereits gesellschaftsfähig? Warum müssen wir Kinder überhaupt gesellschaftsfähig machen? Das sind Fragen, die einen anderen Blickwinkel einnehmen und die eine Diskussionsgrundlage beinhaltet. Wenden wir uns den aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen zu, können wir sagen, dass der Mensch von Geburt an ein soziales, interaktives Wesen ist. Säuglinge sind vom ersten Tag an auf Beziehung ausgelegt, sie könnten ohne emotionale Zuwendung und Kommunikation nicht überleben. Was bedeutet das also? Die Theorie von Sigmund Freud, dass der Säugling narzisstisch sei und die Welt um ihn herum nicht wahrnehme, konnte die Wissenschaft eindeutig widerlegen. Ein Säugling geht aktiv in Kontakt mit seinen Mitmenschen, er kommuniziert mit ihnen und nimmt Signale wahr. Und genau das – die Fähigkeit zu kommunizieren und zu interagieren – ist etwas, das ein gutes Zusammenleben innerhalb einer Gemeinschaft ausmacht. Und genau diese Fähigkeit besitzen wir Menschen von Geburt an – hat das etwa nichts mit Gesellschaftsfähigkeit zu tun!?

Mythos 2: Erziehung ist notwendig, weil aus Kindern sonst Tyrannen werden!

Ich liebe es! Dieses Argument habe ich unzählige Male gehört und ganz ehrlich: Ich kann und will es nicht mehr hören!

Welches Menschenbild liegt dieser Annahme zu Grunde? Wer solche Sätze äußert, geht doch davon aus, dass der Mensch erst moralisiert werden müsste. Dass der Mensch – ohne Erziehung – kein guter Mensch sei, dass er von sich aus keine guten Absichten habe. Dieses Menschenbild ist höchst negativ geprägt und lässt uns glauben, wir müssten unseren Kindern den inneren bösen Geist austreiben. Tun wir dies nicht, so ziehen wir uns alle kleine und immer größer werdenden Tyrannen heran, die machen was sie wollen und zu nichts fähig sind. Doch was ist denn nun dran an diesem Menschenbild? Hatte Kant am Ende etwa doch Recht mit seiner These?

Natürlich ist es möglich Kinder zu konditionieren und sie im Sinne von Lob und Bestrafung zu erziehen. Und ja, diese Methoden funktionieren (leider) tatsächlich. Wir können Kindern durch Strafen negative Verhaltensweisen abtrainieren und in Form von Loben positive Aspekte verstärken. Auch wenn diese Methoden funktionieren, bedeutet es noch lange nicht, dass sie für den Menschen förderlich sind. Früher hat man Kinder geschlagen – diese Maßnahmen wurden nicht kritisch hinterfragt, sondern waren im Namen des Gesetzes legitim. Und ja, die Kinder waren damals „brav“, sie haben das gemacht, was von ihnen verlangt wurde und das war schließlich die Definition von „gut erzogen“. Heute ist die Definition einer „guten Erziehung“ nach wie vor, dass Kinder das machen, was von ihnen gefordert wird – mit dem Unterschied, dass körperliche Gewalt gesetzlich verboten ist. Dieses Gesetz, dass Kinder weder körperlich, noch seelisch verletzt werden dürfen, gibt es übrigens erst seit dem Jahr 2000 – doch das nur am Rande. Auch wenn wir heute über das Züchtigungsgebot hinaus sind, hat sich unser Bild eines gut erzogenen Kindes nicht wirklich verändert – wenn auch in einer moderneren Fassung. Und genau dessen müssen wir uns bewusst sein.

Wir müssen uns des Weiteren bewusst sein, zu welchem Preis diese Methoden funktionieren. Denn obwohl Gewalt per Gesetz verboten ist, ist sie immer noch vorhanden. Insbesondere seelische und emotionale Gewalt wird nach wie vor angewendet und wird eher selten problematisiert, weder auf gesellschaftlicher, noch auf pädagogisch-psychologischer Ebene. Und genau das ist ein Riesenproblem. Wie gesagt, diese Methoden nach dem Prinzip der Bestrafung oder des Lobens funktionieren zwar, allerdings sind hierbei nur die äußerlichen, also die sichtbaren Prozesse, von Bedeutung. Wie es im Menschen aussieht, welche innerlichen Effekte ausgelöst werden, was das mit einer Person innerlich macht, interessiert hier herzlich wenig. Ausschlaggebend ist das Ergebnis – nicht der Weg.

Ich problematisiere diese Methoden zutiefst und aus voller Überzeugung. Was lernen denn Kinder auf diese Weise? Welches Bild von sich als Menschen erhalten sie dadurch? Sie machen die Erfahrung, dass sie dann gut sind, wenn sie bestimmte und gewollte Verhaltensweisen zeigen. Also, als Mensch sind sie erwünscht und geliebt, nicht weil sie sind, so wie sie sind, sondern weil sie etwas Bestimmtes machen, was andere sich wünschen. Ein Kind hat folgendes verinnerlicht: Wenn ich beim Essen still sitze, dann sagen meine Eltern, dass ich das gut mache. Und wenn ich quengele, dann sagen sie, ich solle ruhig sein, das störe. Und ich möchte meinen Eltern gefallen, also bin ich lieber ruhig, auch wenn ich gerade nicht gut drauf und belastet bin. Das ist die Botschaft, die bei Kindern ankommt.

Brav, lieb und angepasst – das sind Verhaltensweisen, die wir an Kindern schätzen. Kinder, die laut sind, die weinen, die wütend sind – die werden als Problemkinder, ja sogar als Tyrannen, beschrieben. Sie müssten mal besser erzogen werden, dann wird das auch wieder. Falsch, nicht Erziehung ist das Zauberwort, sondern Beziehung. Diese Kinder zeigen ganz deutlich und auf gesunde Weise (!), dass etwas nicht stimmt. Sie gehen bzw. versuchen mit ihren Bezugspersonen in Kontakt zu gehen und ihnen zu sagen: Hallo, ich bin in Not, kannst du mir mal helfen. Die lieben, braven und angepassten Kinder – die wir so toll finden – sind schon gar nicht mehr in der Lage diesen Hilferuf abzusetzen. Daher mache ich mir eher Sorgen, um diese Gruppe von Kindern.

Mythos 3: Schon Babys müssen erzogen werden!

Es gibt Menschen, die der festen Überzeugung sind, dass ein Säugling lernen müsste zu warten. Eine sofortige Bedürfnisbefriedigung würde dem Kind die falsche Annahme vermitteln, die Eltern machen immer gleich was es wolle.

Bei diesem Mythos handelt es sich um ein Erbe des Nationalsozialismus. Zur NS-Zeit bekam jede Mutter einen Erziehungsratgeber der Lungenfachärztin Johanna Haarer mit dem Titel „Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind“ an die Hand. Darin war beispielsweise zu lesen, dass Babys nur zu bestimmten Zeiten gefüttert werden dürfen, nachts müsse es in einem separaten Raum untergebracht werden und bei Weinen des Kindes solle man bloß nicht den Raum betreten. Das Schreien eines Säuglings sei auch nicht schlimm, sondern kräftige die Lunge. Dieses Buch wurde auch nach dem Krieg bis in das Jahr 1987 aufgelegt und als ein Erziehungsratgeber Eltern empfohlen. Die Schrift wurde natürlich entnazifiziert, der Titel lautete „Die Mutter und ihr erstes Kind“, aber die Botschaft blieb dieselbe.

Heute geht es nicht mehr, wie damals, um Abhärtung oder die Vorbereitung auf einen Krieg, sondern vielmehr um die Angst Kinder zu verwöhnen. Aus dieser Sorge heraus – denn wir wollen ja keinen Tyrannen haben – ist es wichtig von Beginn an dahinter zu sein und mit einer Erziehung möglichst früh zu beginnen.

Aus der Bindungsforschung wissen wir heute, dass diese Annahme in eine völlig falsche Richtung läuft. Es ist unmöglich einen Säugling zu verwöhnen. Ein Mensch im ersten Lebensjahr benötigt vielmehr eine prompte Bedürfnisbefriedigung, um sich gesund zu entwickeln. Ein Baby ist weder körperlich noch seelisch in der Lage aufkommende Emotionen zu verarbeiten, es braucht ein Gegenüber, das mit ihm gemeinsam Gefühle „verdaut“. Lässt man ein Baby dagegen weinen und wird es nicht beruhigt, wird ein sogenanntes Notfallprogramm im Gehirn ausgelöst. Das Kind ist äußerlich ruhig und wir denken: Siehste, geht doch! Das Kind hat sich von alleine beruhigt und dabei noch gelernt, dass es nicht gleich bekommt, was es möchte. Aber weit gefehlt: Das Kind ist lediglich äußerlich ruhig. In seinem kleinen Körper werden eine Menge Stresshormone ausgeschüttet, denn das Baby steht innerlich unter Hochspannung. Die Botschaft, die das Kind erhält ist Folgende: Schlechte Gefühle sind nicht veränderbar. Es bringt nichts nach Hilfe zu suchen, ich muss alleine klar kommen. Auf diese Weise fördern wir unsichere Bindungsstile oder sogar Bindungsstörungen.

Mythos 4: Erziehung bedeutet konsequent zu sein!

Heute strafen wir nicht mehr, sondern wir sind konsequent! Mag sich vielleicht besser anhören, ist jedoch das gleiche. Bestrafungen bzw. konsequentes Erziehungsverhalten sind nach wie vor eine beliebte und oft eingesetzte Methode, um Kinder in die „richtige“ Spur zu bekommen. Und natürlich tun wir es aus Liebe – aus Liebe zu dem Kind.

Bitte? Aus Liebe bestrafen? Das ist doch komplett gegensätzlich! Das sollte unsere (gesunde) Intuition sagen.

Weshalb glauben wir eigentlich, dass konsequentes Verhalten so wichtig sei? Auch hier können wir eine Verbindung zu Mythos 2 und 3 herstellen. Es ist die Angst vor einem verwöhnten Tyrannen!

Kinder erhalten Konsequenzen, wenn sie nicht den Aufforderungen ihrer Bezugspersonen nachkommen. Es gibt eine Menge an Konsequenzen, zum Beispiel Hausarrest, Handy-Verbot oder Fernseh-Verbot. Es stehen also meist irgendwelche Verbote dahinter, dem Kind wird für eine bestimmte Zeit etwas genommen, das ihm sehr wichtig ist. Eltern und Pädagogen, die diese Methode anwenden, wissen, dass sie die Macht haben dies auch durch- und umzusetzen. Das Kind leidet, es soll leiden, mit der Hoffnung dass es sich verändert.

Strafen und Konsequenzen sind jedoch für eine gute Beziehung zu Kindern hinderlich. Sie schaffen Misstrauen und Angst. Kinder lernen aber auch, dass es ein Machtgefälle zwischen „Stark“ und „schwach“ gibt und dass der „Stärkere“ Macht gegenüber einer „schwächeren“ Person einsetzen kann. Wir schaffen somit einen Rahmen, der Diskriminierung und Ausgrenzung begünstigt und legitimiert.

Durch Strafen und Konsequenzen lernen Kinder auch nicht konstruktiv mit Fehlern umzugehen. Dies wiederum schafft vielmehr Raum für Schwindeleien und Vertuschung, weil Kinder aus Angst vor den Konsequenzen lieber nichts sagen. Offenheit geht verloren und Ängste werden geschürt.

Schlussfolgerungen

Diese 4 Erziehungsmythen sollen bewusst machen, dass das Thema Erziehung – und wie mache ich das richtig? – allzu oft am Wesentlichen vorbei geht. Es braucht keine Methoden, um mit Kindern zu leben und sie zu begleiten, sondern es geht um Beziehung. Und wir brauchen auch keine Angst vor Tyrannen haben, denn unsere kleinen Menschen besitzen von Anfang an soziale Fähigkeiten. Was Kinder brauchen sind authentische und echte Beziehungen, die ihnen die Botschaft vermitteln: Du bist ein liebenswürdiger Mensch genauso wie du bist.

Und wenn es immer noch Menschen geben sollte, die all das nicht verstehen, dann bin ich es leid und werde einfach weiterhin lächeln und winken.

Buchempfehlungen und weiterführende Literatur:

  • Herbert Renz-Polster, Gerald Hüther: Wie Kinder heute wachsen. Natur als Entwicklungsraum – Ein neuer Blick auf das kindliche Lernen, Fühlen und Denken. Verlag Beltz.
  • Karl Heinz Brisch: SAFE- Sichere Ausbildung für Eltern. Verlag Klett-Cotta.
  • Katia Saalfrank: Kindheit ohne Strafen. Neue wertschätzende Wege für Eltern, die es anders machen wollen. Verlag Beltz.

2 Gedanken zu „4 hartnäckige Mythen über Erziehung und wie wir diese entlarven“

  1. „Säuglinge sind vom ersten Tag an auf Beziehung ausgelegt, sie könnten ohne emotionale Zuwendung und Kommunikation nicht überleben.“
    Ja doch, überleben können sie schon. Sie konnen ohnee Nahrung nicht überleben. Dass die Nahrung meistens zusammen mit emotionalen Zuwendung kommt ist ein plus.

    1. Da muss ich Ihnen widersprechen!
      Säuglinge können ohne emotionale Zuwendung NICHT überleben. Das ist wissenschaftlich erwiesen. Selbst wenn ein Baby satt, sauber und trocken ist – also die körperlichen Grundbedürfnisse erfüllt sind – braucht es Zuwendung. Ohne diese emotionale Zuwendung würde ein Säugling sterben.

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